Winterdepri? – Kajakfahrten nacherleben!

Lasst Euch mitnehmen zu einer Kajak-Fahrt im Spätsommer – um den Winter wenigstens im Kopf eimal zu vertreiben. Lasst Euch mitnehmen zu einer kleinen Exkursion mit dem AdvancedElementsExpedition“ aus der Reihe AdvancedFrame® – mit dabei: eine GoPro HERO 4 und eine Canon EOS 60D mit EF-S 15-85 mm f/3.5-5.6 IS USM.

Gegen Winterdepri helfen Sommerimpressionen – hier in einem Video

Winterlandschaft

Wo eine Schneedecke nicht gerade zum Winter gehört, wie das Winterfell zum Tier, da sieht Winter dann auch gern und überwiegend einfach trübe aus – in Nässe, unter Regen, und keineswegs warm. Eines gehört stets verlässlich und untrennbar zum Winter: Die Dunkelheit. Und die kann schon mal echt zermürbend sein. Nicht umsonst ist das ganze Brauchtum um Weihnachten herum übernommen von ganz alten und ganz unchristlichen Brauchtümern nordischer Siedlungsgebiete des Menschen – etabliert und geläufig, lange bevor Menschen auch nur etwas ahnten von dem allseits bekannten Christuskind, dessen Geburt man an jenem Tage feiert, an dem es im Winter zum ersten Mal wieder etwas länger hell ist: drei Tage nach der Wintersonnenwende.

Kajak-Fahrfoto

Mit dem AdvancedElements „Expedition“ auf Tour

Ich möchte Euch mitnehmen auf eine Reise im Spätsommer, an einem Tage mit viel Sonne, wenig Wind und milden Temperaturen. Zugleich möchte ich Euch ein wenig darüber erzählen, wie ich das so angehe, um meine Videos und Fotos mitzunehmen von solchen kleinen Ausflügen.
Unterwegs mit einer GoPro HERO 4 und einer Canon EOS 60D mit EF-S 15-85 mm /3.5-5.6 IS USM ist nicht alles aufgenommen, was gefilmt oder fotografiert werden könnte – aber die Resultate sind umfangreich und prächtig genug, um im Winter vom Sommer zu zehren, und um andere daran mitzehren zu lassen.
Bei all dem ist ein AdvancedElements AdvancedFrame®, und für den Einzelfahrer am besten das AdvancedFrame® „Expedition“ ein treuer und unkomplizierter Begleiter, der sich in geschmeidiger Fahrt als äußert dienstbar erweist und sich dabei so gänzlich unkompliziert benimmt.
Fast beiläufig erzähle ich in meinem Video auch von dem „Stativ“, das ich mir gebaut habe für mein Advanced Elements – das sich auf allen Booten der Baureihe AdvancedFrame® verwenden lässt, nicht nur auf dem „Expedition“. Folgt einfach dem Link und lasst Euch für knappe 12 Minuten entführen zu einem aufmunternden und entspannten Tag auf dem Wasser…

Mehr Infos zum „Expedition“ gibt es hier.

Keine Gewalt in der Erziehung

Traumatisierende Erfahrungen in Kindheit und Jugend gehören nicht der Vergangenheit an. Gewalt in der Erziehung ist Gegenwart in traumatisierten Erwachsenen – und ist Gegenwart mit Kindern, die Gewalt erfahren. Noch immer.

Gewalt in der Erziehung war nicht gestern und ist nicht abgehakt.

Mich bewegt seit längerem, ob oder inwieweit sich in jüngster Zeit etwas getan hat in der Erziehung – und welchen Einfluss Gesetzesänderungen auf die Situation hinter den verschlossenen Türen nehmen.
Ein Gesamtüberblick, der sich aus einigen Reportagen verschiedener TV-Sender ergibt, ist eher ernüchternd. Der Rückgang von wie auch immer statistisch erfassbarer Gewalt in der Erziehung ist, in Zahlen ausgedrückt und die letzten 15 bis 20 Jahre betreffend, enttäuschend. Dennoch sage ich, was ich auch in „Schlag-Schatten“ geschrieben habe: Die Richtung ist die richtige. Denn wenigstens dort, wo Gewalt zu Tage tritt, da wird das Eingreifen von außen unterstützt, wo nun zumindest die Gesetzeslage klar ist.
Gesetze aber, das muss man auch einmal ganz ungeschönt sehen, haben eine Gesellschaft noch nie verändert. Gesetze gehen auf Wertewandel in einer Gesellschaft ein. Und Gesetze können auch Wandel unterstützen – in der Regel aber läuft das „gesetzte Recht“ dem empfundenen Rechtsempfinden einer Gesellschaft nach.
Dieser Wandel im Verständnis von Erziehung ist im Gro aber vorhanden!

Jedoch verleiten alle Zahlen auch schnell zu einem Missverständnis: Gewalt wird nicht nur körperlich angetan. Und Gewalt in der Erziehung beginnt nicht erst da, wo Hämatome sichtbar werden, wo Aufschürfungen, gar Knochenbrüche oder Organverletzungen zu abstrusen Geschichten verleiten.
Wertvolle Orientierungen in Fragen der Erziehung bietet das Buch „Kindererziehung“, das bambiona.de als eBook herausgibt – und das man gratis herunterladen kann. Denn beruhigen kann es nicht, dass sich ein positiver Trend weiterhin abzeichnet und Grund, sich zurückzulehnen, gibt es keinen. Kindererziehung ist ein gewaltiges Stück Arbeit, das stete Geduld und Aufmerksamkeit verlangt.

Bambiona-Link

Den einen und goldenen Weg in Fragen der Erziehung gibt es nicht: Kinder haben unterschiedliche Persönlichkeiten, sie reagieren unterschiedlich auf ihre Umwelt – auf Eltern/Familie, Kindergarten/Schule, das weitere und das gesamtgesellschaftliche Umfeld. Umso wichtiger ist es, sich Aufmerksamkeit und Offenheit zu bewahren.

Frau Jessica Thomas von bambiona.de über das eBook „Kindererziehung“:

Kindererziehung ist kein Knderspiel

Egal ob traditionelle Familie oder Alleinerziehende – für alle Eltern stellt die Erziehung ihrer Kinder immer wieder aufs Neue eine Herausforderung dar. Schließlich wollen Väter und Mütter ihren Kindern nicht nur Liebe geben, sondern ihnen auch grundlegende Werte und Fähigkeiten vermitteln. Nur so können aus ihnen später selbstständige und glückliche Erwachsene werden.

Planung und Spontanität gehen Hand in Hand

Im Vergleich zu früheren Zeiten sind heutzutage die Familien und deren Vorstellungen von Kindererziehung deutlich vielfältiger geworden. Zwischen sehr strengen Vorstellungen und gänzlich antiautoritärer Erziehung finden sich inzwischen die unterschiedlichsten pädagogischen Konzepte. Dennoch gleichen sich die Grundlagen der Erziehung, wie sie im E-Book „Kindererziehung“ dargestellt werden. Welcher Erziehungsstil jeweils gewählt wird, ist abhängig von den eigenen Erfahrungen in der Kindheit. Wichtig ist dabei vor allem, dass man sich bereits im Vorfeld mit dem Partner abspricht, um zu vermeiden, dass es später zu Konflikten kommt oder das Kind durch widersprüchliche Botschaften eher verwirrt ist statt positiv geführt. Außerdem sollte berücksichtigt werden, dass kein Kind dem anderen gleicht und deshalb mitunter die eigenen Pläne und Konzepte angepasst werden müssen. Meist empfiehlt sich ein goldener Mittelweg mit einfachen Regeln, die Kinder leicht zu befolgen lernen, und Freiraum zur Entfaltung ihrer ganz eigenen Persönlichkeit.

Verständnis und Konsequenz schließen sich nicht aus

Kinder brauchen Grenzen, an denen sie sich orientieren können. Diese geben ihnen nicht nur Sicherheit, sondern vermitteln auch, was gut und was falsch ist. Deshalb ist es von besonderer Bedeutung für Eltern, bezüglich der familieninternen Regeln Konsequenz zu zeigen. Das bedeutet aber nicht, dass auf persönliche Befindlichkeiten und besondere Situationen nicht eingegangen werden sollte, solange eine Ausnahme nicht zur Regel wird. Gerade mit zunehmendem Alter der Kinder können die Regeln auch an die persönlichen Wünsche und Fähigkeiten angepasst werden. Ein großer Teil der Erziehung funktioniert dabei über das elterliche Vorbild: Was Vater und Mutter vorleben, geben sie auch an ihre Kinder weiter.

Abwärts leben – Leseprobe 4

Auszug aus:

Vielerlei Wege, zu schlucken

Nach den Flitterwochen holte mich der Alltag gleich knüppeldick ein.
Mein Kollege hatte gekündigt – und ich stand mit der Disposition wieder allein da! Nichts Ungewöhnliches. Denn dass ich der Einzige war, der die Stellung eisern hielt, während andere Disponenten kamen und gingen wie die Zugvögel, das war ja schon Gewohnheit. Und so nahm ich die Botschaft sehr gefasst auf…
Ich war morgens wieder der Erste – und abends der Letzte.
Parallel dazu aber wuchs das Unternehmen immer weiter.
Unsere Chefs erweiterte den eigenen Fuhrpark Schritt um Schritt – mit schnellen
und großen Schritten. Wir bekamen weitere Kies- und Zementzüge und sogar eine weitere Beton-Förderpumpe. Dem lag eine wohl abgestimmte Kalkulation zugrunde. In erster Linie sollten die Fremdspediteure weniger in Anspruch genommen und deren Gewinne „im eigenen Laden“ gehalten werden. Eine Strategie, die in modernen Zeiten des mithin totalen Outsourcings kaum nachvollziehbar erscheint. Dabei muss man aber berücksichtigen, dass heute nicht großzügig Gewinne anderen überlassen werden – sondern in erster Linie unternehmerische Risiken ausgelagert werden.
Dereinst war der Preis für Subunternehmer relativ deutlich höher als heute. Und so lohnte sich jedes Fahrzeug, das zwar auf unsere Kosten, aber auch unter unserem Namen lief – und am Ende mehr Gewinn eintrug. Wir hatten die zu geringe Auslastung nicht eines einzigen Fahrzeugs zu beklagen. Unsere Chefs hatten schon sehr gut und genau beobachtet, zu welchem Zeitpunkt die Investition in den eigenen Fuhrpark sich praktisch risikofrei amortisieren würde.
Dazu wiederum trug die Gesamtlage in Deutschland bei. Zunächst mochte man gar nicht so sicher ausmachen, ob die Übernahmen kleinerer Betonunternehmen und die Zusammenschlüsse mit glaubwürdigen Wettbewerbern nicht eigentlich Angstläufe meiner Chefs waren: Bis der Markt einknicken würde, musste die Konkurrenzsituation überschaubar sein. Und dass der Markt einknicken würde, damit mochte man rechnen, denn in den 50er und 60er Jahren war Deutschland endlich und weitestgehend wieder aufgebaut. Dass der Markt seine Sättigung erreicht haben und die Luft bald dünner werden würde, erschien absehbar.
Aber auch in den 70er Jahren riss der Bauboom nicht ab. Im Gegenteil.
Von diesem Boom ließ sich nun spielend mehr abschöpfen, indem man den eigenen Fuhrpark erweiterte, den Subunternehmern weniger Fuhren zuteilte – und doch gleichzeitig ihre Kapazitäten für die weitere Expansion wie ein Ass im Ärmel wusste.
Es mag wohl ein Fehler gewesen sein, dass ich mir nicht klar machte, weshalb ich unter meiner Arbeit immer mehr erstickte. Während nämlich meine Chefs die Lage sehr gut analysierten – so muss ich mal unterstellen, wenn sie nicht bloß einfach Glücksritter waren – machte ich nur meine tägliche Arbeit. Endlich schien ich mein Tagwerk nicht mehr bewältigt zu bekommen, wenn nicht Hanna in ihren Mittagspausen abgearbeitet hätte, was bei mir sonst gnadenlos liegenblieb.
Und so blieb mir am Ende ein schlechtes Gewissen. Ein schlechtes Gewissen gegenüber meinen Chefs: Da ich ja offensichtlich meiner Arbeit nicht gewachsen war. Und diese innere Dankbarkeit, dass sie mich dennoch weiter beschäftigten! Ein schlechtes Gewissen Hanna gegenüber: Die ja plötzlich ein unentbehrlicher Teil meines unzulänglichen Systems geworden war. Am Ende sogar ein schlechtes Gewissen gegenüber einem anderen Kollegen: Ein Kollege, der schließlich auch mein bester Freund werden sollte, nahm mir häufig Arbeiten ab, obgleich er – als Mitarbeiter im Verkauf – damit gar nichts zu tun hatte.
Trotz allem: Mein Job als Disponent machte mir Spaß.
In diesem Job und unter diesen Rahmenbedingungen zu überleben hatte so beiläufig auch noch etwas Heldenhaftes. Während andere Disponenten hier kamen und gingen wie die Jahreszeiten, während andere Disponenten hier gediehen wie eine stürmische Frühjahrsblüte, und während sie verausgabt eingingen, ehe es Sommer wurde… blieb ich standhaft dabei.
Virtuos zog ich an den Fäden und jonglierte mit den Bällen. Bisweilen musste ich mir solche Bilder aufrufen, damit sich das alles noch gut und abenteuerlich anfühlte, was mich nichts auf aufrieb mit der Zeit…

Es war schon zwei Uhr durch, als ich endlich ins Bett kroch. Hanna regte sich ein wenig, schien aber nicht richtig wach zu werden. Ich hätte mir gewünscht, von Hanna nun interessierte Fragen zu hören, Mitleid zu ernten – Halt zu finden. Einfach: Halt. Und Trost. Und andererseits war ich froh, dass ich sie mit meiner späten Heimkehr nicht geweckt hatte.
Zugleich auch war ich froh, dass sie keine Fragen stellte. Ich war erleichtert, mich jetzt nicht offenbaren zu müssen – und wusste doch, dass ich nichts würde verbergen können.
Unter Tränen gestand ich Hanna am nächsten Morgen…
Es war noch spät am Abend gewesen, als ich den Wagen vor unserem Haus zum Stehen brachte. Ich brauchte ein wenig Zeit, in der der Motor nachlief, bis ich den Autoschlüssel greifen und abziehen konnte. Ich brauchte eine Pause, um mich zu besinnen. Dann schwenkte nach links hinüber, gegen die Autotür gelehnt, und fingerte benommen nach dem Türöffner. Klock. Die Tür ging auf. Ich wippte bedenklich nach links, weil mir plötzlich der Halt entglitt. Dann schwang ich die Tür auf. Ich setzte schon einmal meinen linken Fuß auf schwankenden Boden.
Da stellten sich mir plötzlich zwei Beine in den Weg. „Oh, nein“, dachte ich, „jetzt nicht mein Vater! Der müsste doch längst schlafen! Verdammt.“ Ich hatte jetzt wirklich keine Lust auf ein Donnerwetter von ihm. Zu nachtschlafener Stunde. Und auch noch auf offener Straße!
Ich gab mir große Mühe, um meinen Kopf allmählich zu ihm hinauf zu bewegen, während ich noch auf dem Autositz saß, den Autoschlüssel in der rechten Hand. Das Lenkrad noch warm von meinen Händen, der Motor noch warm vom Fahren. Ich sah:
Eine Uniform.
Selbst das schummerige Straßenlicht verbarg nicht mehr das Grün der Uniform. Der Schock drang durch, trotz der Betäubung. Der Film, der in meinem Kopf ablief, war dramatisch – so gut konnte ich dann doch noch denken. Das Drehbuch, nach dem es nun weiter ging, war verhängnisvoll und logisch. Meine armselige Statistenrolle in diesem Leben flammte mal kurz und wenig ruhmreich auf zur Hauptrolle.
Ich musste erkennen, dass der Mann in der Uniform mir nicht freundlich gesonnen war. Ich stieg also aus und wahrte Haltung – so gut das noch ging. Die Uniform wickelte das gängige Ritual ab: Fahrzeugpapiere, Führerschein – bitte. Ich bildete mir standhaft ein, mich vollkommen unauffällig zu verhalten und zu bewegen. Ich sprach möglichst wenig, denn wenig Text, so wähnte ich, würde auch verbergen, dass ich „ein wenig“ über den Durst getrunken hatte. Ein wenig Trotz gegenüber der Polizei war schon obligat – aber deshalb gleich auf übermäßigen Alkoholkonsum zu schließen, das war dann nur noch dreist!
Es half nichts: Die gefürchtete Frage war nicht mehr zu verhindern, ob ich damit einverstanden sei, einmal „ins Röhrchen zu pusten.“
Der Nebel in meinem Hirn hatte mir eine Kreativität verliehen, unter deren Einfluss ich meine tatsächlich Lage nicht etwa vollkommen falsch einschätzte – ich schätzte sie gar nicht mehr ein… Schade, dass er nicht gesagt hatte: Blasen Sie mal! – dachte ich nur. Hätte ich sagen können: Wem? Hätte er gesagt: … oder was!
Zynischer Eifer sollte mir noch hinlänglich zum Katzenjammer mutieren.
Im Hintergrund entdeckte ich seinen Kollegen. Es war nicht zu übersehen, dass der sein hämisches Grinsen kaum zu unterdrücken wusste.
Ich hätte einwenden können, ich sei nicht einverstanden. Am Ergebnis hätte das nichts geändert. Dass ich gerade aus der Kneipe gekommen war, dass ich getrunken hatte, dass ich wahrscheinlich sogar zu viel getrunken hatte… all das wusste ich selbst und viel zu gut. Mit welchem guten Argument hätte ich mich der staatlichen Gewalt nun widersetzen sollen?
Also willigte ich widerwillig ein. Ist eine durch solche Umstände erzwungene Einwilligung tatsächlich eine gültige Willenserklärung? Staatsmacht hin und Demokratie her? Es änderte nichts. Und so ergab ich mich – diese Haltung war ich ja gewohnt – dem mir hübsch und gebrauchsfertig präsentierten freien Willen.
Ich pustete ins Röhrchen. – Mir fuhr der zweite Schock in die Glieder. Zwei Promille! Ein verhängnisvolles Weder-Noch: Weder etwas, das mich hätte entlasten können, noch etwas, auf das ich stolz sein konnte. Und weit jenseits jeden Zweifels.
Die staatliche Gewalt rang mir ein weiteres „Einverständnis“ ab: „Sind Sie damit einverstanden, dass wir Sie mit auf die Wache nehmen? Wir müssten einen Bluttest durchführen lassen.“ „Was? Ein…?“ ich stammelte nichts Konkretes mehr hervor und war fassungslos ob des wohl bekannten Automatismus, der nun anrollte. Sollte ich mir etwa Hoffnung machen, dass ein Bluttest mir 0,79 Promille attestieren und mir so den Hals aus der Schlinge retten würde? Und: Konnte ein „Röhrchen“ um ein so Vielfaches stärker irren als ich selbst?
„Mit auf die Wache nehmen“ war wörtlich gemeint. Als ich meinen Führerschein wieder zurück haben wollte, glitt meine Hand ins Leere: „Den behalten wir erst einmal…“ „Wir“ hatte ich ihn sagen hören. Dieser Schnösel maßte sich an, den Pluralis majestatis zu verwenden! Kommt das ganz von selbst, wenn man sich andient, dem Gesetz jene Macht zu verleihen, die man nüchtern Staatsgewalt nennt?
Dass er mir meinen Führerschein nicht wieder zurückgab, war schon ein Eingriff in meine persönliche Freiheit, den ich schon hinlänglich drastisch fand. Aber mit jener Formulierung bäumte sich der Schnösel einmal mehr vor mir auf – und machte mir klar, dass ich von nun an oder zumindest vorläufig nichts als ein Würmling war vor Recht und Gesetz. Und dass mir ohnehin keine Wahl mehr blieb. Noch also folgte ich vernunftbegabt der Zwangsläufigkeit, die nun nicht mehr aufzuhalten waren.
Auf der Wache ließ ich mir – selbstverständlich „freiwillig“ – Blut abnehmen. Dann erstellte man ein Protokoll, las mir vor und fragte mich, ob ich mit allen Formulierungen einverstanden sei… Ich konnte nur beobachten, wie man mich – einen freien Bürger in einem freiheitlichen Staat – zum Schafott führte. Aller Widerstand war zwecklos: Natürlich war ich „einverstanden“.
Ich fand mich irgendwo zwischen entmündigender Fürsorglichkeit, bürokratischer Teilnahmslosigkeit und Menschen verachtender Überheblichkeit als Spielball wieder. Dabei flog ich wie ein Flummi hin und her zwischen den Zwangsläufigkeiten – und fühlte mich, ziellos, scheinbar unbestimmt umhertrudelnd und wenig dynamisch wie ein schlaffer Fußball auf nassem Gras.
Endlich bäumten sich in mir Wille und Kraft zum Widerstand gegen dieses Theater auf, in dem man mich behandelte, als hätte ich nur die Rolle eines Komparsen zu erfüllen, der gerade etwas störrisch und schlecht parierte. Dabei hätte ich als Darsteller in der Hauptrolle etwas mehr Respekt erwarten können!
„Ich bin britischer Staatsbürger!“ brüllte ich endlich, befahl meinem Körper einen Ruck, mit dem ich jeden Muskel anspannte und meine Körperhaltung straffte. Am liebsten wäre ich aufgesprungen. Aber dazu fehlte mir der Mut. Zu viele Augenpaare der Staatsgewalt waren auf mich gerichtet. Wer weiß, wozu die Staatsgewalt bereit gewesen wäre. „Ich bin Untertan ihrer Majestät! Der Queen!! So können Sie mit mir nicht umspringen!“
Ich erreichte das Gegenteil dessen, was ich hatte erreichen wollen: Ich erheiterte die deutsche Staatsgewalt. Die Polizisten waren so freundlich und respektvoll, mich nicht auszulachen. Ihr Grinsen, auch mal ein verzweifeltes Glucksen, konnten sie nicht unterdrücken. Vor allem aber: Kein Einlenken der Staatsgewalt. – Ich beschloss eilends, die Queen besser nicht noch tiefer mit in diese armselige Angelegenheit hineinzuziehen. Ich schwieg.
Am Ende hatten die Polizisten, was sie brauchten. Und ich stapfte zu Fuß nach Hause…
Es war schon zwei Uhr durch, als ich endlich ins Bett kroch.
Am nächsten Morgen ging ich zu Fuß zur Arbeit. Hohn und Spott schlugen mir schon entgegen. Einmal ganz abgesehen davon, dass mir die Schadenfreude der liebenswerten Kollegen bis tief ins Herz stach, konnte ich mich wundern, dass alle schon Bescheid wussten, ehe mich überhaupt einer gefragt hatte, weshalb ich zu Fuß war. Hätte ja auch, so grämte es mich, sein können, dass einfach bloß mein Auto gestreikt hatte! Aber nein. Es gab niemanden, der Fragen hatte. Wer hier noch fragte, der fragte, um mich zu foppen.
Nun sprechen sich natürlich die betrüblichsten und ärgerlichsten Angelegenheiten in der Welt schneller herum, als selbst die erfreulichsten! Das muss am starken Drang des gebeugten Menschen zur Schadenfreude liegen. – Aber woher nur wussten sie alle bereits bescheid? Ich zermarterte mir vergeblich den Kopf, was es damit auf sich haben mochte. Aber mehr noch beschäftigte mich mein Ärger darüber, dass die Kollegen an diesem Tage von mir nicht lassen mochten. Begegnete man sich sonst mit einem knappen „Hallo!“ oder einem stummen Blick, so setzte es nun gleich wieder einen fiesen Stich, einen herben Schlag – einen dummen Spruch, der von Schadenfreude nur so troff.
Tage später erzählte mir der Neue im Verkauf – jener Freund, der er mir werden sollte – was es auf sich hatte mit dieser vorauseilenden Schadenfreude […]

Abwärts leben – Leseprobe 3

Auszug aus:

… wie ein Engel des Friedens

[…]
Eine Woche nach dem Umzug gab es die große Einweihungsfeier. Die halbe Verwandtschaft war eingeladen.
Die Feier ließ sich gesittet und geziemt mit Kaffee und Kuchen an. Jeder saß an seinem Platz: Meine Mutter bot in schöner Runde, in adretter Förmlichkeit und so recht wie in einer Bewirtung, ihre hübsche und mit Anstand zelebrierte Kaffeetafel. Danach löste sich die Tischordnung auf, die Gesellschaft wurde feucht-fröhlich und ausgelassen. Ein deftiges Abendessen steigerte endlich den Durst und befeuerte das hemmungslose Besäufnis einiger Herren. Mein Vater: einer von ihnen.
Der jüngste Bruder meiner Mutter, eine trinkfeste Frohnatur und hemmungslose Unterhaltungskanone, mimte den Alleinunterhalter und ersparte meiner Mutter mit derbem Humor keine Peinlichkeit. Als später auch noch die älteste Schwester meiner Mutter hinzu kam, lockerte die Runde auf, weil dem jecken Onkel nicht mehr die alleinige Aufmerksamkeit galt: Diese Schwester – gerade erst verwitwet – zog mit ihrem Bruder gleich und erlaubte sich keine Ladehemmung.
Die Erwachsenen waren dabei unter sich – ich hielt mich am Rande auf, um wenigstens keinen Kalauer zu versäumen. Ich hatte zwar meinen Spaß, aber es entging auch nicht meiner Aufmerksamkeit, dass mein Vater irgendwann stillschwei- gend seinen Rivalen gefunden hatte. Während mit steigendem Alkoholgehalt der geselligen Runde der Gehalt der Späße abnahm, kochte mein Vater unter der Maske des lachenden 100-Kilo-Brockens langsam auf…
Uneröffnet und niemals erklärt hatte er den Wettkampf aufgenommen mit dem jüngsten Bruder meiner Mutter, der – wahrhaftig trinkfest – ohne Maß und Anzahl alles in sich hineinkippte. Und während er als Kabarettist und Alleinunterhalter immer weiter aufdrehte, bekam er gar nicht mit, dass er meinem Vater zum gehetzten Hasen in einer absurden Jagd geworden war. Als meine Mutter – besorgt um die angemessene Fassung des Hausherrn und Gastgebers – irgendeine Bemerkung bei meinem Vater fallen ließ, die ich mir schon zusammenreimen konnte, da zogen die ersten Wolken, gallig-grün angelaufen, in schwerem Blaugrau am Horizont auf, von denen keiner der Gäste irgendetwas ahnte.
So allmählich verabschiedeten sich die Gäste. Ein unabgesprochener Konsenz unter den noch Geistesgegenwärtigen löste die Feier plötzlich auf, ehe bei einzelnen die Toleranzfähigkeit gegenüber Alkohol überschritten sein würde… So mancher nahm volltrunken Abschied. Der jüngste Bruder meiner Mutter hatte die größten Schwierigkeiten, die steile Treppe in der zugedachten Weise hinunter zu kommen. Aber auch der kam schließlich und irgendwie heil unten an. Die letzten Rücken waren fortgewunken, die Haustür fiel ins Schloss.
… und die Dämme brachen.
„Versager!“ „Schlappschwanz!!“ „Nichtsnutz!!“ Ach, was war ich nicht alles – aber nichts Brauchbares. Wie Granatsplitter – so fühlte es sich mir an – flog uns alles um die Ohren, was meinem Vater an Wohlbekanntem einfiel. Was hatte sich da nicht alles aufgestaut, was ja nun eindeutig auf meine Schlappe während des Umzugs zurückging?! Und das war eine Woche her!
Was muss es in ihm genagt und gefressen haben, eine Woche lang. An jenem Tage und eine ganze Woche lang hatte er kein Wort darüber verloren, keine Rage darüber ausgetobt. Und nun war ich… Ach was: Nun waren wir, meine Mutter genauso wie ich, wie vor den Kopf gestoßen ob dieses tosenden Gewitters, so heillos aus heiterem Himmel.
Wie mochte das Fraßbild aussehen in seinem Kopf? Mit ansehen zu müssen, wie seinem Sohn dieses lange, sperrige, nicht einmal so schwere Teil aus den Händen glitt, das für ihn wahrscheinlich nicht mehr gewesen wäre als eine dürre Zaunlatte. Mit anzusehen, wie ich wahrscheinlich mit irrwitzig entsetzter Fratze der Hilflosig- keit noch zu halten versucht hatte, was nicht mehr zu halten war. Sein Sohn? Der doch so gar nicht nach seiner Art geschlagen war. „Der ist nicht von mir!“ Dieses Mal sagte er es nicht. Ich hörte es dennoch abermals.
Neeein! Nicht mehr. Nicht mehr! Nicht mehr, nicht mehr!!
„Geh mir bloß aus den Augen!!“ Niedergeschlagen und gedemütigt – erleichtert, der Tobsucht nicht mehr beiwohnen zu müssen – zog ich ab! Nicht ohne die wahnhafte Regung der Dankbarkeit, von ihm fortgeschickt zu werden, schlich ich mit gesenktem Haupt, mit leisen Schritten, so unauffällig wie möglich die Treppe hinauf und legte mich zu Bett.
Das setzte meine Mutter der direkten und alleinigen Attacke aus. Und ich begriff, weshalb dieses Mal ich so schnell abziehen durfte, ja, abziehen musste von der Bühne seiner Tobsucht: „Was fällt Dir eigentlich ein?! Zu kontrollieren wie viel ich trinke!?“ Zufrieden ob meiner Erkenntnis – Fassungslosigkeit zollte ich meiner Mutter – war mir nun klar, was der wahre Auslöser seines unhaltbaren Zorns war.
Und die Kartoffeln hatten nicht geschmeckt, die Würstchen nicht gereicht. „Was sollen die denn denken?!“ brüllte er. – Na, dieser Durchgedrehte bedachte wohl am wenigsten, was andere denken! – „Dass wir es uns nicht leisten können?“ Und schmetterte in halber Lautstärke, die noch heftig genug war, hinterher: „Noch zu geizig, ein ordentliches Büffet auszurichten!“ Wand erschütternd legte er nach: „Ist das denn zu viel verlangt? Während hier alle hart geschufftet haben?! Wenigstens was Anständiges zu Essen zu machen!? Und dass es auch reicht! – Aber meckern! Nichts als meckern! – Eine richtige Meckerziege“, wurde die Nachbarschaft weithin informiert, „ist aus Dir geworden! Nichts als eine Meckerziege!“
Nicht minder laut dröhnte seine Forderung nach Essen: Speck und Ei sollte meine Mutter ihm in die Pfanne hauen – er sei ja noch gar nicht satt.
„Biiie-tte…“ unter Tränen, „aber so hör doch bii-ttee… mit dem Geschrei auf!“ Halb erstickt flehte meine Mutter und machte sich daran, ihm befehlstreu Essen zu bereiten. „Willst Du denn hier auch als der Schreihals dastehen?!“ – „Dummes Zeug!!“ – „… biiie-tteee…“ gurgelte sie unter Tränen, die so schnell nicht mehr zu schlucken waren, wie sie flossen. – „Wer sagt denn so was!?“ gebrüllt. – „Neeeiiin“, ein letztes, klägliches Wimmern, schmolz ihre Hoffnung dahin wie eine Kugel Vanilleeis unter der sengenden Mittagssonne eines wolkenlosen Sommertages: Ihre Hoffnung, hier einen Neuanfang machen zu können. Ihre Hoffnung, hier nicht mehr wissen zu müssen um das Gequatsche der Nachbarn, das ja nun einmal – aller Miefigkeit von Gerüchten und aller Widerlichkeit von Maulzerreißen zum Trotz – stimmte.
„Tu uns das doch nicht an…“ gluckste sie, kaum verständlich, tief in der von Tränen und Rotz verschleimten Kehle, undeutlich und leise, eigentlich nur noch für sie selbst, nur noch zu sich selbst… Worte, die sonst mir galten. – ? – Worte, mit denen sie nun ihren Ehemann meinte! Ängstlich, verunsichert, zaghaft hinein gesprochen in diesen schmalen Spalt, der sich auftat zwischen der blassen Hoffnung, doch erhöhrt zu werden von ihrem Mann – und der fetten Furcht, doch bloß nicht gehört zu werden im jähen Zorn des Tyrannen.
Er hatte es gehört. Sein Zorn brandete wieder auf.
Von einem Haus ins andere gezogen – das Irrenhaus nahmen wir mit. Ein Irren- haus, abgeschirmt von der „normalen“ Gesellschaft, verrammelt, verriegelt, den Blicken entzogen, um den Bürger nicht zu verunsichern. Und wir? Waren verschreckt, verstockt, verstummt. Für jeden hörbar, jeder bekam es mit. Und wir? Lebten mitten drin: im Irrenhaus.
Der Wahn-Sinn tobte sich weiter aus, bahnte sich seine klaffende Furche durch den brüchigen Frieden dieser unserer seltsamen Familie. Wenigstens unser Wahn machte etwas Sinn – in dieser Schreckensherrschaft.
Unter halb trockenen Tränen, hilflosem Schluchzen und knabenhaftem Wimmern und Jammern verharrte ich auf meinem Zimmer. Ich horchte nicht dem Toben des Tyrannen. Ich horchte nicht dem Wehklagen der hilflosen Mütterlichkeit und zerbrochenen Weiblichkeit. Sondern es mochte mir gar nicht gelingen, all das nicht zu hören, was mich nun angeblich nichts anging. – Geflohen wäre ich am liebsten: Ich, nur ich allein, zurück in die alte Wohnung.
Nichts hatte sich geändert. Die Zäsur des Wohnungswechsels, die ich schon jetzt hasste, weil sie nichts bewirkt hatte. Eisenbahn weg, Hoffnung weg. Den Preis vorab gezahlt – und nichts dafür bekommen. Die teuerste Vase in Scherben war nichts dagegen: unbedeutend, gering, klein – nicht mehr erwähnenswert.
Als hätte es irgendetwas ändern können, so machte ich mir vor, meine Mutter mit diesem Schrecken nicht allein lassen zu können. Held, der ich war, suchte ich nicht mehr selbst den Schutz am Rockzipfel meiner Mutter, sondern suchte nach Solidarität. Held, der ich war: Was konnte ich tun für meine Mutter? War ich doch selbst diesem Vater ausgeliefert wie Naturkatastrophen. Nicht zu gehen, wenigstens, konnte ich tun. Nicht zu gehen gelang mir so. – Zu gehen gelang mir gar nicht.
Die dumpfe Mattigkeit schließlich holte mich ab aus Tränen und überließ mich unruhigen Träumen…
Der daran anschließende Sonntag hielt für meine Mutter und mich das ganze Pro- gramm bereit: Von einer unliebsamen Überraschung über die gängige Banalität, mit der dazu gehörigen Zermürbung, bis hin zu einem Geschenk des Himmels…
Die unliebsame Überraschung kam mannhaft aufgebaut daher, mit etwas un- sicherem Stand, mit geröteten Augen, den Blick glasig, die Pupillen eng und träge. Die Reaktionen und Bewegungen dieser ganzen Männlichkeit – nur leicht, aber unübersehbar – unbeherrscht. Ehe er die Treppe zu uns herauf kam, fragte er meinen Vater mit knabenhaft ausgelassenem Lachen, wie er denn nur diese steile Treppe gestern abend heil hinunter gekommen sei:
Der jüngste Bruder meiner Mutter – gestern noch Grund zur Sorge, er könne dem Koma erliegen. Eben dieser erinnerte sich ganz genau, dass da gestern bei der Fete die zweite Flasche Mariacron nicht leer geworden war. Zwar der eigene Bruder – aber dennoch kein Wunder – kam der Kerl meiner Mutter höchst ungelegen. Ich durchlitt den Besuch in böser Vorahnung. Mein Vater bat ihn herzlich herein: Nicht ausge- nüchtert, aber hinreichend angenüchtert, um die Herausforderung anzunehmen.
Mit dem schlichten Ziel, jene Flasche Weinbrand leer zu bekommen, setzten sich die beiden ganzen Kerle im Wohnzimmer nieder und machten sich daran, dem harten Zeug den Rest zu geben. Der eine knabenhaft unbedarft am sinnlosen Besäufnis interessiert – der andere ein steifer Gockel, der heillos bemüht war, aus einem Wettstreit als Sieger hervorzugehen, den nur er allein stritt. Und weil Weinbrand wohl doch irgendwie recht trocken sein muss, kostete dieses merkwürdige Freundschaftsspiel im Gleichklang des Zuprostens auch noch vier Flaschen Bier.
Die Männer tranken miteinander und schwiegen miteinander. Das wenige, das sie austauschten, war belanglos und entbehrlich. Aber sie hoben – das verband sie in idyllischer Brüderlichkeit – seltsam synchron die Gläser…
Ich hielt mich vom Wohnzimmer fern. Die flüchtigen Blicke, die ich hineinge- worfen hatte, blieben hoffentlich unbemerkt. Ich verweilte die meiste Zeit auf meinem Zimmer, trollte mich später einmal zu meiner Mutter in die Küche, die unser Mittagessen zubereitete. Die wenigen Worte, die wir wechselten, waren bedeu- tungslos. Bedeutungsvoll waren die stummen Blicke, die wir kreuzten: bedeutungsvoll unsere Angst darin.
Als das Pensum erledigt, die Flasche geschafft war, zog mein Onkel ab, meine Mutter tischte das Essen auf… und das Unheil nahm erneut seinen Lauf.
Das aussichtslose Kräftemessen mit dem spielend Ebenbürtigen hatte meinen Vater heillos gereizt – nun, das Kräftemessen mit den aussichtslos Unterlegenen, brachte ihn in Rage. Ohne Grund und ohne Anlass, ohne Widerstand, an dem er sich reiben, ohne Kerben, in die er schlagen konnte, erfand sein Hirn im Wahn Gründe, die seine Raserei nährten.
„Die Suppe schmeckt ja wieder gar nicht.“ Noch grummelig und leise.
„Wo sind denn Deine einstigen Kochkünste geblieben? Du gibst Dir gar keine Mühe mehr!“ Schon gedonnert. – Und so nahm das Unheil wieder seinen gewohnten Lauf.
Der bloße Nachhall seiner Stimmgewalt war uns Drohung genug: Ich wagte nicht mich zu rühren, nur schweigsam zu essen. Nur ja den Blick des Vaters nicht kreuzen! Meine Mutter zitterte in ihrer Angst vor jedem nächsten Tun. Obgleich wir gewohnheitsmäßig wussten, dass es gerade erst begonnen hatte und jetzt auch grundlos weitergehen musste: Man lernt, grundlos zu hoffen.
„Und die Kartoffeln schmecken irgendwie ganz komisch!“
„Komisch“, dachte ich bei mir, „schmeckt vielleicht alles, wenn man so viel Hochprozentiges gesoffen hat.“
„Und das Fleisch ist viel zu zäh!!“ schnodderte er weiter.
Dann plötzlich in schmerzender Lautstärke: „Den Sau-Fraß kannst Du den Schweinen verfüttern!“ Angewidert schmatzend schlang die Fleisch gewordene Gewaltandrohung den bloßen Nährwert hinunter.
Hatte ich den mal vertrauensvoll „Papa“ genannt?
„Und Du!“ bellte dieses Monster mich an. „Hast Du Dein Zimmer aufgeräumt? Oder muss Deine Mutter wieder für Dich aufräumen!?“ Wieder? Was war das nun? Meine Mutter hatte noch nie für mich aufräumen müssen! Dachte ich nur. „Jaaah!“ maulte ich. „Hab ich.“ Scheißkerl, verdammter, dachte ich.
„Und? Was ist mit der Berufsschule!? Hast Du die Hausaufgaben gemacht?“ donnerte er mich an. Seit wann interessierte ihn das? Wenn das Ergebnis nicht stimmte, dann rastete er aus. Aber jemals auf dem Wege zum Ziel zu fragen, ob ich klar kam, ob ich Unterstützung brauchte, ob er würde helfen können: Niemals auch nur gedacht! „Ja‘-haa!“ nickte ich – zugegeben: unüberhorbar angenervt. Und erschrocken ob der eigenen Provokation schob ich schnell nach: „Hab ich alles fertig!“ – „Scheißkerl!!“ dachte ich.
„Kannst ja wenigstens vernünftig antworten, wenn Du ordentlich gefragt wirst!“ tobte er auch gleich. – „Ordentlich gefragt?“ schoss es mir unwillkürlich durch den Kopf, „hab ich nicht mitbekommen!“ – „Maul mich nicht so von der Seite an! Wofür hälst Du Dich eigentlich?! Bursche!!“
So ging die obligatorische dreiviertel Stunde um. Und auch wenn das Gewitter dann vorüber war: Als ich mich nachmittags mit dem Fahrrad aufmachte zu meiner Großmutter, da fühlte es sich gut an, der dicken Luft daheim zu entrinnen. So ganz beiläufig ließ sich so auch die Zeit bis zur Bescherung überbrücken, die uns erwartete. Es war nicht Weihnachten. Und ich ahnte noch nicht einmal etwas von dieser Bescherung…
Meiner Oma klagte ich unser Leid mit dem Haustyrannen. In aller Ausführlich- keit zeichnete ich die frischen Eindrücke von den gestrigen und heutigen Ausfällen meines Vaters nach. Geduldig hörte meine Großmutter zu – und konnte doch so wenig ausrichten wie ich selbst. „Hach, ja, mein Junge“, klagte meine Oma kraftlos, „ich kann ja nur auch gar nichts machen…“ Die Augenbrauen verzweifelt und hilflos hochgezogen, den Blick zu Boden gerichtet. „Ach, Oma“, seufzte ich bescheiden und nur nochresigniert, „ich bin ja schon froh, dass ich mal mit jemandem darüber sprechen kann!“
Und so endete mein Besuch bei der Oma so ergebnislos, wie das ganze Verharren unter den unberechenbaren Launen unseres ach so liebenswürdigen Familien- oberhauptes fruchtlos war. Dennoch hatte es erleichtert, dem Herzen mal für ein paar Momente diese Last des Schweigens, des stummen Schluckens, des starren Hinnehmens genommen zu haben.
Zeitig zum Abendbrot war ich wieder Heim.
Ich trollte mich zu meiner Mutter in die Küche, die mit letzten Handgriffen kurz davor stand, zu Tisch zu rufen…
… da ging die Türglocke.
„Mmh?“ ging der fragende Blick meiner Mutter zu mir herüber. Ich antwortete mit einem gedehnten Schulterzucken. Zaghaft fragte sie ins Wohnzimmer hinein, ob mein Vater noch jemanden erwarte. – „Nein“, murmelte der nur kurz angebunden in die Kehle hinein und sah dabei nicht einmal vom Fernseher auf. – „Gehst Du denn mal?“ fragte meine Mutter mich.
Ich öffnete – und der Nachbar aus der Parterrewohnung unter uns stand vor der Tür. Er bat mit knapper und korrekter Freundlichkeit um Einlass. „Ich möchte das ungern auf dem Hausflur besprechen. – Darf ich denn einmal das Familienoberhaupt sprechen?“
Ich ging also zur Wohnzimmertüre und bat meinen Vater herbei, blieb dann selbst am Ende des Korridors stehen und harrte der Dinge. Mit auf dem Rücken verschränkten Händen grüßte der Nachbar meinen Vater gleich von Ferne sehr förmlich und kurz angebunden – und machte keinen Hehl daraus, dass er ihm die Hand nicht reichen würde. Er fackelte nicht lang herum: „‘n Abend, der Herr. Entschuldigen Sie die abendliche Störung… Gegen eine Fete hab ich ja mal nichts einzuwenden. Kann dann auch ruhig mal ‘n bisschen lauter werden. – Aber dieses Geschrei bis mitten in die Nacht verbitte ich mir ganz entschieden! Und heute Mittag war es ja auch nicht gerade leise!“
Ich glaube, unwillkürlich zuckten meine Mundwinkel aufwärts: Nicht, dass mir nach Lachen zumute war – eher hatte ich Angst, dass mein Vater wieder einmal die Beherrschung verlieren würde. Aber ich hatte doch eine diebische Freude daran, meinen Vater sprachlos zu erleben.
„Ich kann Sie nur bitten“, klang es mit unüberhörbarer Schärfe noch geboten freundlich, „diese Unannehmlichkeiten abzustellen! Andernfalls müsste ich die Genossenschaft informieren! – Und das würde dann für Sie nicht so gut aussehen…“ Innerlich zog ich den Hut vor diesem Mann und erbot ihm meine Achtung: Endlich mal einer, der sich traute, meinem Vater offen, Auge in Auge, die Stirn zu bieten.
„Ja, wissen Sie… Ja, selbstverständlich. Nein, das wird nicht mehr wieder vorkommen. Ganz sicher. Das war nur… wir hatten…“
Nicht weniger förmlich und distanziert, als er angegrüßt hatte, schnitt unser Nachbar meinem hilflos stammelnden Vater die überflüssigen Worte ab: „Ja, dann… wünsche ich Ihnen noch einen schönen Abend! – allerseits.“ Der Herr nahm die Wohnungstüre schon selbst in die Hand und trat wieder hinaus.
Eilfertig huschte ich an meinem Vater vorbei und zischte in die Küche, um meiner Mutter irgendwelche Handgriffe abzunehmen. Ich hätte mich niemals getraut, meinem Vater in diesem Moment einen Blick zuzuwerfen, ja nur seinen Blick zu streifen – aber es hätte mich nicht gewundert, wenn ihm – die Kinnlade nur noch hängend, den Mund offen – die Sprachlosigkeit als leicht dahin skizzierte Fratze ins Gesicht geschrieben war.
„Danke, danke, danke!“ dachte ich bei mir, „dass da endlich einmal jemand war, der meinem Vater zeigte, dass man auch ohne dicke Muskeln und ohne stimmgewaltiges Gebrüll stärker sein konnte als er.“

Abwärts leben – Leseprobe 2

Auszug aus:

Tage der Freude und des Feierns

[…]
Wenn ich sonntags zu keiner Messe eingeteilt und daheim war, oder wenn ich schon früh zurück war vom Messdienen, dann ging ich schon um zehn zum ersten Mal zum Kramladen, um für meinen Vater eine Flasche Bier zu kaufen. Ich lief auch ein zweites und ein drittes Mal. Und die zwei Gläschen Weinbrand, die mein Vater sich zwischendurch genehmigte, bauten jenen Pegel auf, den er brauchte, um diese Beherrschung zu verlieren, die ihm „draußen“ so hohes Ansehen einbrachte. Kleinig- keiten waren es dann, die ihn zur Raserei brachten. Für uns war nicht vorhersehbar, was es sein würde – und das machte den Vater so unberechenbar, obwohl wir wussten, dass es an einem Sonntag wie an jedem Sonntage geschehen musste.
Oft auch war ich es, der mit Nachmittagswünschen zu sehr nervte. Wünschte ich mir doch bloß Eltern und einen Vater, wie andere ihn auch hatten: Einen Vater zu haben, der wenigstens am Sonntag ganz viel Zeit für sein Kind hatte. Statt stier und stumpf im Sessel zu sitzen und die Zeit eines solchen Tages durch bloße Ausdauer nieder zu ringen.
Mit derselben Regelmäßigkeit hätte man die Uhr danach stellen können: Mein Vater brauchte eine dreiviertel Stunde. Eine dreiviertel Stunde Toben, Brüllen, Schreien. Körperliche Attacken – schubsen, ziehen, in die Ecke schleudern. Keine exzessiven Prügeleien, an denen er sich abreagiert hätte – immer nur stakkatoartige Übergriffe. Auch das machte diese Ausbrüche meines Vaters noch einmal unberechenbarer.
Sonntage, die andere ersehnten und genossen als Tage der Ruhe und als Tage von Familienleben. Für uns der reine Psychoterror.
Für uns war es ein Leben unter Angst. Unter ständiger Angst – die man, lebt man nur stets darin, als Druck gar nicht mehr wahrnimmt! Es ist einfach so. Und es war so, dass es ihm offenbar so etwas wie Frieden bot. Er trank sich hinein, er tobte sich hinaus – und war danach vollkommen ruhig. Er saß dann meist vor dem Fernsehgerät und ließ die Zeit verrinnen. Das Familienleben, das Leben mit einem Sohn und das Leben mit einer Ehefrau rannen an ihm vorbei – das schien ihn nicht einmal zu berühren. Schließlich hatte er seinen Frieden. So schien es.
Nach seiner Attacke hatte ich „frei“. Ich konnte zum Besispiel mit dem Fahrrad fahren, wenn ich wollte. Ich wählte dann fast immer dieselbe Strecke. Ich klapperte die Großeltern, Onkels, Tanten ab und kehrte wohl verrichteter Dinge heim. Manch- mal wurde mir auch Jugendkino erlaubt, oder am Sonntagstreffen der Jungschärler teilzunehmen. Zu den Treffen der Jungschärler oder auch der Messdiener durfte ich übrigens oft auch noch zweimal während der Woche… aber sonntags war das eben etwas Besonderes.
Unter dem Druck der ständigen Angst und unter dem Druck der ständigen Kontrolle erschienen mir diese „Begünstigungen“ wie väterliche Großzügigkeiten und meinem Alter kaum angemessene Freiheiten. Dass andere in den Gruppen noch häufiger an diesen Treffen Teil nahmen, gab mir nicht zu denken.
Die Treffen der Jungschärler- und der Messdienergruppen boten mir Gelegenheit, Ausgleich zu suchen für die mangelnde Aufmerksamkeit meiner Eltern. Hier der Vater, der in der Woche hart schuftete – und an Wochenenden nichts als eine Bedrohung war. Hier also der Vater, der immerhin seinen Versorgungspflichten nachkam. Dort die Mutter – die neben ihrer nachmittäglichen Halbtagsstelle als Reinigungsfrau mit dem Haushalt ganz allein gelassen war, im Haushalt ihrer Eltern auch noch wenigstens das Gröbste machte, und die neben all dem die Heimarbeit für die Druckerei erledigte. Sie kann rückblickend betrachtet kaum Luft zum Atmen gefunden haben. Also erst recht nicht die Zeit für ein Kind.
Die Mutter in meiner Mutter erwachte, wenn ich den Attacken des Vaters aus- gesetzt war: Die Mutter in ihr erwachte, wenn wenigstens die einfachsten Be- schützerinstinkte aufgerufen wurden.
Ich kam ins vierte Schuljahr und bald stand die Erstkommunion bevor – ein Fest, das für ein Kind von großer Bedeutung und lange unvergesslich ist…
Die doch recht bescheidenen Verhältnisse unserer Wohnung führten im Rahmen dieses Festes – das ja nicht groß genug ausfallen konnte! – zu umfangreichen Veränderungen: Zwei Tage vor dem Fest wurde das elterliche Schlafzimmer in einen Speisesaal verwandelt. Meine Eltern nächtigten derweil notdürftig in meinem Zimmer. Und ich wurde ganz ausquartiert! – Ausgerechnet bei jenem Nachbarn fand ich Unterkunft, der sich bei mir durch die Auswirkungen seiner regelmäßigen Besuche einen Ruf erarbeitet hatte: Jener samstägliche Trinkfreund meines Vaters, mit einer Flasche Chantré in der Hand.
Dort ebenfalls unter bescheidenen Verhältnissen, nächtigte ich im „öffentlichen Raum“ des fremden Haushaltes: im Flur! Und bekam auf diese Weise mehr vom Leben des fremden Leute mit, als mir lieb war: Einen Morgen war ich gerade erst erwacht, als der Nachbar zur Toilette ging – splitterfasernackt. Ich sah sein gewaltiges männliches Glied baumeln – und konnte mir gar nicht vorstellen, dass mein Penis nur die niedliche, kindliche Version desselben Dings war, die also nicht so klein bleiben würde. Kurz darauf ging seine Frau zur Toilette. Ebenso unbekleidet: nackt, wie zuvor der Herr! Brüste sah ich da… von Größe und Gewaltigkeit, und mit jedem ihrer Schritte frei und gewichtig schwingend. Brüste, von denen ich bisher nur wusste, dass es eben zwei sind. Dass sie unter Blusen, Kleidern, Pullovern für Erhebungen sorgen bei den Frauen. Brüste, von denen ich bisher nur wusste, dass sie mit Scham und Anstand unter Kleidung verborgen werden. So hätte ich mir dieses stets peinlichst gehütete Geheimnis nicht vorgestellt.
Ich stellte keine Fragen. Ich fragte meine Eltern nicht, und niemanden sonst. Ich sprach nicht darüber, was ich gesehen, was ich nicht verstanden hatte. Was hätte mich erwartet? Vorwürfe, dass ich hingesehen hatte? Vernichtende Vorwürfe, dass ich meine Nase in die intimste Privatheit dieses Ehepaares gesteckt hatte? Falsche Anschuldigungen, ich hätte das bloßer Neugier getan?
Oder hätte mein Vater mir gar unterstellt, ich hätte mir das nur ausgedacht, um einen Keil zwischen ihn und diesen Freund zu treiben? Meine Fantasie hätte damals so weit niemals gereicht! Nicht im Traum hatte ich eine Vorstellung davon, wie der nackte Körper meiner Eltern ausgesehen haben mochte. Nacktheit war lediglich ein kindlicher Freiraum, den die Fürsorge der Mutter verlangte. Mit der Nacktheit des erwachsenen Körpers freizügig umzugehen, widersprach so sehr dem Konsens der Zeit – vor allem aber der katholischen Frömmigkeit und strengen Sittlichkeit, unter der ich aufwuchs – dass ich gar nicht auf die Idee gekommen wäre, mir einen erwachsenen Körper überhaupt nackt vorzustellen.
Diese Bilder hatten mich eiskalt und schlicht überrumpelt!
Schockiert, hilflos und allein gelassen blieb ich mit diesen Eindrücken zurück. Ich konzentrierte mich darauf, mich auf das Fest der ersten Kommunion zu freuen…
[…]