Die Schweigespirale

Aus aktuellem Anlass heraus möchte ich mein Kapitel „Die Schweigespirale“ hier einmal in Auszügen wiedergeben – dem letzten Kapitel aus meinem Buch „Durch die Raumakustik muss ein Ruck gehen“ (2022). Dieses Buch ist keine Fachpublikation, sondern ein Sachbuch – mit dem ich mich aber auch immer wieder auf die Suche danach begebe, weshalb sich die Ergebenheit gegenüber Richtlinien und Verfahrensweisen so hartnäckig halten und auch so hartnäckig verteidigt werden, obwohl sie physikalisch keinen Sinn machen.

» […]

Die Tatsache, dass sich die Sozialpsychologie des Themas der Schweigespirale angenommen hat, ist wiederum ein eigenes Problem, das ich noch anschneiden werde. Kümmerte sich nämlich die Individualpsychologie darum, so kämpfte man möglicherweise nicht so bemüht um Größe und Reichweite des Begriffs der „öffentlichen Meinung“ – sondern könnte näher beim eigentlichen, individuellen Druck der „sozialen Kontrolle“ bleiben.

[…]

[…] Sabine Hossenfelder […], die da sagt, Wissenschaftler sollten berücksichtigen, „wie ihre Mitgliedschaft in einer Gruppe die Objektivität beeinträchtigen kann“.

Die eigene Objektivität? Die des einzelnen Wissenschaftlers? Oder die der Gruppe gegenüber Meinungsführerschaft? – Es handelt sich nicht um die Äquivalenz in einer mathematischen Formel. Es geht um Wechselwirkung. Beides gilt also.

Nicht zuletzt eine DIN 18041 profitiert von der Sprachlosigkeit in der Branche. Und über diese Sprachlosigkeit gelange ich zu jener Schweigespirale…

Eine Sprachlosigkeit, die tatsächlich daraus resultiert, dass der physikalischen Wissenschaft bisher Antworten auf die wesentlichste Frage der Raumakustik nicht gelungen ist: Woher rühren die akustischen Probleme in geschlossenen Räumen?

Nicht nur „draußen“, also dort, wo konkrete Probleme mt Lärm in geschlossenen Räumen zu lösen sind, sondern auch unter den Wissenschaftlern scheint es so zu sein, dass, wer keine plausiblen Antworten bieten kann, lieber schweigt. Oder mit den Wölfen heult.

Wer vernehmlich aufbegehrt gegen das Credo von der Absorption, mit der Nachhallzeiten getrimmt und kurz gehalten werden, läuft Gefahr, vorgeführt zu werden wie ein Makake im Zirkus.

So sehr Hossenfelder’s Kritik und Erklärungen für dieses Verhalten von Wissenschaftlern nachvollziehbar erscheinen, so sehr erstaunen sie: Die Profession des Wissenschaftlers ist, Neues zu entdecken. […]

Insbesondere aber unter Auftragnehmern, und sogar unter Herstellern von Produkten (zugegeben: die wiederum – je nach Vertriebskonzept – auch Auftragnehmer sind) findet man häufig… nein, ich muss sagen, überwiegend die latente Furcht, ein Zuschlag könne allein dadurch gefährdet werden, dass man Vergabestellen gegenüber und etwaig konkret in Bezug auf ein Ausschreibungsobjekt Kritik an DIN 18041 ausführt. – Also akzeptiert man stillschweigend die Bedingungen jener Norm. Die etwas von Raumakustik verstehenm versuchen so leidlich, jene Schwierigkeiten in einem wettbewerbsfähigen Kostenrahmen abzudecken, die man dennoch sieht.

Für auftraggebende Stellen hat DIN 18041 inzwischen überwiegend einen solchen Rang und Ruf errungen, dass Ausschreibungen praktisch lückenlos und direkt mit dieser Norm verknüpft werden. Das wiederum wundert für die öffentliche Hand kaum: Wie wir vom DIN e. V. selbst erfahren, ist genau das Ziel der verbrieften Kooperation zwischen DIN e. V. und der Bundesregierung, öffentliche Stellen auf DIN-Normen einzuschwören.

Für die freie Wirtschaft darf das wundern, denn der Mangel an freiem Wettbewerb verteuert Projekte unnötig, die effektiver umgesetzt werden könnten, wenn man es etwaig bei dem Hinweis auf ASR A3.7 beließe.

Auf der Suche nach Erklärungen für eine solche Vergabepraxis stolpere ich so beiläufig wie zwangsläufig über Noelle-Neumann – und die Schweigespirale.

Das Schweigen ist eine Haltung geworden, die die Existenz sichert – und somit unternehmerisch nachvollziehbar ist und schwerlich angeprangert werden kann.

„Das Verhalten von Menschen unter Meinungsklimadruck ist denjenigen, die sich außerhalb der konkreten Situation befinden kaum verständlich“, so stellt Noelle-Neumann fest. (Noelle-Neumann, Elisabeth: Die Schweigespirale; Langen Müller, 2001 – Seite 349)

[…]

Leider klammert Noelle-Neumann sich beinahe verbissen daran, „öffentliche Meinung“ sehr umfassend zu betrachten und die Medien schlechthin als Meinungsbildner in jegliche Studie mit einzubeziehen, wenn es darum geht, die öffentliche Meinung als Druck auf Einzelne – und eben jene Schweigespirale – zu überprüfen. Aber gerade diese Schweigespirale ist sowohl Auswirkung als auch Instrument von sozialer Kontrolle: Auf unterschiedlichsten Ebenen wird durch das Erzwingen von Verschwiegenheit der Status Quo verteidigt. Derweil Noelle-Neumann so weit fasst und so umfassend schaut, droht die Bedeutsamkeit der „Schweige-Hypothese“ – wie Noelle-Neumann es benennt – eher übersehen zu werden.

Dabei wäre es vermutlich sogar für Wissenschaftler ebenso wie für jedermann einfacher zu akzeptieren, wenn Individuen sich dem sozialen Druck des selbstgewählten engeren Kontextes (sozusagen der eigenen „Subkultur“) beugen, als sich einzugestehen, dass man sich unweigerlich dem Druck der großen „öffentlichen Meinung“ unterwirft. Wer mag schon – sich selbst oder anderen – eingestehen, dass einem die „öffentliche Meinung“ eben nicht schnuppe ist? Und zugleich, je plakativer deklariert wird, wie sehr einen Druck und Meinung von Medien und Allgemeinheit egal seien, desto feinfühliger fällt die Ausrichtung des eigenen Schweigens oder Meinens am unmittelbaren Umfeld aus.

Der moderne Mensch sei frei und unabhängig und selbstbestimmt! … so das Credo der sich selbst als aufgeklärt darstellenden Gegenwartsbefindlichkeit. Und also: So und nicht anders möchte „man“ zeitgemäß sein und bitte auch so wahrgenommen werden: Unabhängig von dem, was andere Leute über einen denken. Mit der allzu strengen Auffassung von „öffentlicher Meinung“ verschenkt die Psychologie und hat auch Noelle-Neumann viel Erkenntnispotenzial verschenkt, wenn die „Öffentlichkeit“ nur das ganz große Publikum ist. […]

[…]

Hat man sich in ein Umfeld erst eingefunden, hat man sich eingebracht, hat man dadurch einen Platz errungen, so kann diese Bestätigung wiederum nur aufrechterhalten werden, indem man sich mit den Gegebenheiten abfindet und arrangiert. Der Golfclub oder der akademische Kreis unterscheidet sich in letzter Konsequenz überhaupt nicht von dem nachbarschaftlichen Umfeld […]. Tatsächlich bleibt nur die Flucht […] in das gesellschaftliche Ansehen. Was von außen kostbar schillert wie ein förderlicher Halt für den Einzelnen, das kann nach innen auch schnell ein (extrem) repressives System werden, dem das Individuum wiederum nur durch die Flucht nach vorn zu entrinnen vermag: durch mustergültige Anpassung.

Eines bleibt sich immer gleich: Die Währung für so etwas wie inneren Frieden ist die Anerkennung des Umfeldes – der Preis ist das Schweigen.

Der Kontext von „Öffentlichkeit“ – die für Subgesellschaften wohl lieber als „soziale Kontrolle“ beschrieben wird – beherrscht stets die Thematik. […]

Was Noelle-Neumann schreibt, liest sich vielleicht etwas speziell – ist aber vorzüglich getroffen, wenn man dem Versuch, Definitionen zu finden, die einhergehende Härte der Grenzziehung etwas nachsieht: Mit Definitionen werden auch stets Claims abgesteckt und schroffe Kantenabrisse erzeugt:

„Die vier Annahmen sind: 1. Die Gesellschaft gebraucht gegenüber abweichenden Individuen Isolationsdrohungen. 2. Die Individuen empfinden ständig Isolationsfurcht. 3. Aus Isolationsfurcht versuchen die Individuen ständig, das Meinungsklima einzuschätzen. 4. Das Ergebnis der Einschätzung beeinflusst ihr Verhalten vor allem in der Öffentlichkeit und insbesondere durch Zeigen oder Verbergen von Meinungen, zum Beispiel Reden oder Schweigen.“ (Noelle-Neumann, Elisabeth: Die Schweigespirale; Langen Müller, 2001 – Seite 299)

[…]

Es mag auch ernüchtern, jedoch kaum noch sonderlich überraschen, wenn Noelle-Neumann – keinesfalls zu Unrecht – Erik Zimen zitiert…

… der sich tief und intensiv mit Wölfen beschäftigt hatte. Erik Zimen hatte nicht nur für die Wölfe gelebt, sondern auch mit ihnen, gleichsam als Wolf auf zwei Beinen.

Nur auf den ersten Blick möchte nur etwas irritieren, dass Noelle-Neumann auch Wölfe in ihre Betrachtungen einbezieht. Auf den zweiten Blick versteht man, dass Wölfe recht ursprüngliche Sozialgemeinschaften bilden. Insoweit taugt vieles, das dem Wolf zueigen ist, um dem Menschen den Spiegel vorzuhalten.

„Für Wölfe ist“, so gibt Noelle-Neumann Erik Zimen wieder… „Für Wölfe ist das Heulen eines anderen Wolfes ein sehr starker Auslöser, selbst zu heulen […] Nicht immer aber zieht ein Einzelheulen den Chor nach sich. Das anfängliche Heulen eines rangniederen Wolfes z. B. ist seltener der Anlass als das eines ranghohen.“ (Noelle-Neumann, E.: Die Schweigespirale; Langen Müller, 2001 – Seite 139; aus: Zimen, E.: ‚Der Wolf: Mythos und Verhalten‘; Meyster, 1978)

Ernüchternd eben. Aber doch auch so sehr menschlich.«

Soweit Auszüge aus „Durch die Raumakustik muss ein Ruck gehen“, 2022; dort „Die Schweigespirale“, Seiten 508 – 535.

Bodenversiegelung und Klimawandel

Da dem Klimawandel zugleich als Auslöser CO2 zugeordnet wird, möchte ich einmal über einen anderen Aspekt sprechen, der UNMITTELBAR lokal Einfluss auf Klima nimmt. Bisher nur auf LinkedIn veröffentlicht, hat dort aber auch nur ein kleiner Kreis Zugang, sodass ich hier den Artikel noch einmal veröffentlichen möchte. Damit er wirklich allen zugänglich ist, die sich im Internet informieren und gern auch mal andere Blickwinkel wahrnehmen möchten.

Ich möchte nämlich einmal auf Besiedlungsdichte und das Ausmaß an Versiegelungsflächen sprechen. Beide hängen auch mit Ansprüchen und Erfordernissen der Gesellschaften zusammen. Aber eben nicht nur. Gerade in den Industrieländer muss man über Umnutzungen und die Reaktivierung bereits versiegelter Flächen sprechen. Und muss etwaig zuvor anders genutzte Gebäude nicht abreißen, sondern „einfach“ neu gestalten.

VERSIEGELUNGSFLÄCHEN sind EIN, und ein für den Klimawandel relevanter Faktor. Einerseits erscheinen Bodenversiegelungen im Einzelfall stets unbedeutend und leicht verschmerzbar. Andererseits allein in der Summe haben auch inkomplette Bodenversiegelungen eine gewaltige Wirkung. Das Thema der VERSIEGELUNGSFLÄCHEN wird zwar keineswegs VERSCHWIEGEN! Aber im Kontext des Klimawandels wird eher wenig darüber gesprochen.

Ich möchte exemplarisch nur 3 Spotlights anknipsen: Tesla, BER (der Flughafen) – und Lüdinghausen.

Das TESLA-Gelände in der Nähe von Berlin, gute 3 km südöstlich von Erkner, runde 9 km südlich vom Kalksteinbruch Rüdersdorf gelegen. Dieser Kalksteinbruch war einst eine hügelige Erhebung. Schon vor runden 800 Jahren nutzte man den Stein mitten im flachen Land, das geprägt ist von Sand- und Lössböden. Etwa seit dem 17. Jahrhundert wird dort systematisch Stein – auch für berühmte Gebäude – gewonnen, und etwa seit 1910 begab man sich unterhalb des Geländeniveaus. Heute wird im Tagebau in seiner größten Tiefe ca. 90 m unterhalb des Grundwassers der Stein gebrochen. – Mit einer größten Breite von runden 600 Metern, einer Länge von ca. 4 Kilometern, liegt der Steinbruch wie eine schlanke Amöbe leicht gebogen in der Landschaft und macht durchaus auf sich aufmerksam. [1]

Gewerbeflächen – relevanter Faktor im Klimawandel

Binnen einer Bauphase von 25 Monaten ging Tesla an den Start – auf einem Gelände, das insgesamt größer als dieser Steinbruch ist. „12.500 neue Jobs, 300 Hektar Fabrik statt Märkischer Kiefer, sechs Millionen Euro Gewerbesteuer“ – so fasst „www.tagesschau.de“ zusammen. [2]

Das moderne Tesla-Gelände nahe Erkner und der Rüdersdorfer Steinbruch, der seit Jahrhunderten genutzt wird, im Größenvergleich.
Das Tesla-Gelände und der Rüdersdorfer Steinbruch im Vergleich. Quelle: Google Maps; Bildbearb.: Gerhard Ochsenfeld

Nächstes Beispiel. Der sowjetische Besatzer eröffnete 1946 bewusst vor den Toren Berlins einen eigenen internationalen Flughafen auf dem Gelände der ehemaligen Henschel-Werke – und wich auf diese Weise dem Sonderstatus des Berliner Stadtgebietes aus. Einst bekannt als Flughafen Schönefeld – und für die DDR das „Tor zur Welt“ – besitzt der heutige Flughafen BER eine eher traurige Berühmtheit (durch Pannen, Verzögerungen und Nachfinanzierungen in der Bauphase). Seine absolute Größe umfasst in etwa das Dreifache dessen, was in letzter Ausdehnung, also mit einer modernen Start- und Landebahn, Schönefeld war. [3, 4]

Flughafen BER • Quelle: Google Maps; Bildbearb.: Gerhard Ochsenfeld

Dass Flughafengelände nicht nur von Versiegelungsflächen geprägt sind, ist klar. Andererseits ist auch bekannt, dass mehr oder minder kurz gehaltene Grasflächen und das auf jeden Fall Baum- und Busch-freie Gelände einen das lokale Klima weniger ausgleichenden Charakter besitzen, als der natürliche, geschlossene Wald. Sie ähneln klimatisch eher Steppen. Bei klarem Wetter mit Sonnenschein entstehen zumindest Wärme, etwaig auch Hitze – und aufsteigende Winde.

Aber zum dritten, angekündigten Fallbeispiel, dieses mal ganz konkret zum Thema Stadtentwicklung:

Stadtwachstum als Hebel im Klimawandel

Unser Klassentreffen anlässlich 50 Jahren Entlassung aus der Grundschule hat meinen Fokus mal auf Lüdinghausen gerichtet. Und so habe ich einen Stadtplan reproduziert, der auf das Jahr 1977 datiert, und via Google Maps mit dem heutigen Status Quo verglichen – um festzustellen, dass zwei Fünftel der heutigen Siedlungsflächen (Wohn- und Gewerbegebiete) NEUZUWACHS innerhalb der vergangenen 50 Jahre sind. – (Informell: Hierbei habe ich nur die Kernstadt verglichen, also ohne den Ortsteil Seppenrade; diesen Ortsteil abgezogen werden Lüdinghausen knapp 19.000 Einwohner zugerechnet.) – Nun ist das natürlich nur EINE – und eine kleine – Stadt unter vielen in Deutschland. Darüber hinaus hatte Lüdinghausen mit der Kreisreform von 1975 seinen Status als Kreisstadt verloren und stufte zu einem Subzentrum im westlichen Münsterland herab.

Quellen: Stadtplan der Stadt Lüdinghausen/Westf. von 1977 u. Google Maps; Bildbearb.: Gerhard Ochsenfeld

Was sagt das über BODENVERSIEGELUNG aus?

Auch in aufgelockerten Siedlungs- oder Gewerbegebieten ist der Oberflächenabfluss von Niederschlägen mindestens überwiegend; Sickerflächen werden deutlich in den Hintergrund gedrängt, sodass Grundwasserstände beeinträchtigt werden und die Beanspruchung von Bächen und Flüssen als Niederschlagsabflüsse zunimmt. Desweiteren mag eine Siedlung auch noch so begrünt sein: Durch Gebäude und Verkehrsflächen steigt bei Sonnenschein die Temperatur im Gesamt solcher Siedlungsgebiete gegenüber dem für unsere Breiten natürlichen Waldbewuchs deutlich.

Über wärmeren Gebieten steigen die Luftmassen auf – die zudem eine relativ (!) geringere Luftfeuchtigkeit aufweisen, aber tatsächlich nicht weniger Wasser tragen. Dadurch wird mehr Wasserdampf schneller in höhere Luftschichten transportiert, was wiederum konzentrierte Starkniederschläge und Unwetter zumindest begünstigt. Diese gehen – der Wind lässt grüßen – selten dort nieder, wo die Luftmassen aufsteigen. … womit das viel beklagte Thema der extremen Witterungsverhältnisse zumindest einmal angerissen ist.

Und was hat das mit globalem Klimawandel zu tun?

Nächstes Thema – denn ohne dieses geht es nicht: BEVÖLKERUNGSZUWACHS:

Im Deutschen Kaiserreich lebten 1871 ca. 41 Millionen Menschen, im letzten Jahr vor dem Zweiten Weltkrieg ebenso wie noch 1950 waren es knapp 70 Millionen auf deutschem Staatsgebiet [5], 2023 sind es 83,3 Millionen [6].

Deutschland als klassischer Industriestaat folgt einem Schema, das allgemein bekannt ist: Die Bevölkerungsentwicklung ist praktisch abgekoppelt von der Dynamik des weltweiten Bevölkerungszuwachses.

So gibt es einen moderaten Bevölkerungszuwachs weltweit, der sich bis ca. 1930 recht undramatisch liest [7]: Im Jahre 1650 noch hochgerechnete 470 Millionen Menschen auf unserem Globus, sind es 1750 knapp 630 Millionen; binnen weiterer 100 Jahre, 1850 mit 1,13 Milliarden, haben sie sich wiederum noch nicht einmal verdoppelt. Schließlich die 1910er bis 1940er Jahre mögen mit 2 Weltkriegen, mehr noch aber mit Totalitarismen in der Sowjetunion ab 1917, für das Dt. Reich zwischen 1933 und 1945 – die beide auf ihre Weise unsägliche Millionen gefressen haben – ggf. die Dynamik etwas abgeschwächt haben. Aber in Ansehung von (1930) runden 2 Milliarden Erdenbewohnern spiegeln Statistiken solche humanitären Katastrophen schon gar nicht mehr bedeutsam wider.

„Machten die Europäer 1750 noch 18 Prozent der Weltbevölkerung aus, so stellten Menschen europäischen Ursprungs 1930, zum Höhepunkt ihrer Weltdominanz, 35 Prozent“, so schreibt Steven Sinding für das Berlin-Institut [7] und schließt damit insbesondere Nordamerika mit ein.

Aber etwa ab 1950 herum – zu jener Zeit mit gesamt 2,56 Milliarden Bewohnern – entkoppeln sich die industrialisierten Nationen vom Rest der Welt: Die dramatische Dynamik im Bevölkerungszuwachs findet nach 1930 allein in so genannten Entwicklungsländern statt.

Bevölkerungswachstum und Klimawandel

Die nachstehende Grafik zeigt nicht die beste Auflösung. Aber das ist nicht so wichtig, denn die Prognose, die die Vereinten Nationen im Jahre 2010 ausgesprochen hatten, dass die 8-Milliarden in diesem Jahr (2025) erreicht würden, hat ja ohnehin nicht gehalten: Sich widersprechende Quellen sind sich zumindest darin einig, dass im November 2022 die 8-Milliarden-Marke gerissen worden sei. [9, 10] Interessant bleibt also zumindest, anhand dieser Grafik grob auf die globale Dynamik der Bevölkerungsentwicklung zu schauen.

Entwicklung der Weltbevölkerung seit 1700, und prognostiziert für den Zeitraum 2010 – 2100

Grafik: Stiftung Weltbevölkerung • Quelle: Vereinte Nationen, World Population Prospects: The 2010 Revision, 2011. – roter Bereich: Weltbevölkerung in Milliarden, graue Balken: durchschn. jährl. Zuwachs innerhalb von 10 Jahren •

Ich schaue auf Bangladesh, einem Land, in dem es nicht MEHR Überschwemmungen gibt als in früheren Zeiten, sondern mustergültig eine explosive Besiedlung (siehe oben: VERSIEGELUNGSFLÄCHEN) im naturgemäßen Überschwemmungsgebiet. Die Bevölkerungs“explosion“ in Bangladesh mag mit aktuell ca. 1,2 % jährlichem Zuwachs nicht mehr dramatisch erscheinen [11]. Bedenklich für die Region und die Menschen hingegen bleibt, wenn jährlich grobe 2 Millionen Menschen auf einem Gebiet hinzukommen, das nicht einmal halb so groß ist wie Deutschland:

Bangladesh – seit der Unabhängigkeit von Großbritannien (1947) noch als Ost-Pakistan eine dem heutigen Pakistan unterstellte Provinz – ist um den Faktor 2,4 kleiner als Deutschland und fällt 1947 mit „nur“ 36,7 Mio. Einwohnern [11, 12] gegenüber 69 Mio. (Gesamtbevölkerung der beiden deutschen Staaten) auch nicht wirklich auf. Im Jahre 2024 hingegen leben im seit 1971 unabhängigen (und 1972 konstituierten) Bangladesh bereits mehr als doppelt so viele Menschen wie in Deutschland: 174,7 Mio. gegenüber 83,6 Mio. [11, 13, 14].

Vielleicht fühlt sich der folgende Vergleich noch etwas greifbarer an – wenn ich nur eine Auswahl dt. Länder nehme: Brandenburg, Berlin, Mecklenburg-Vorpommern, Schleswig-Holstein, Hamburg, Niedersachen, Bremen und Nordrhein-Westfalen zusammengenommen sind 152.266 Quadratkilometer groß – gegenüber 147.570 für Bangladesh. In diesen freien Städten und Ländern Deutschlands leben zusammen 39 Mio. Menschen – gegenüber 175 Mio. in Bangladesh.

Der KLIMAWANDEL ist ein Thema, das bereits seit den 1960er Jahren umfänglich beobachtet und erforscht wird. Viele der Ergebnisse sind noch heute überwiegend unerwünscht, sind allgemein zugänglich, auch anerkannt – werden aber im Mainstream vornehmlich als unseriös dargestellt.

Der britische Wissenschaftsjournalist Nigel Calder – und er war nicht der einzige – hatte 1997 mit seinem Buch „Die Launische Sonne widerlegt Klimatheorien“ (im Original: „The Manic Sun – Weather Theories Confounded“; Pilkington Press Ltd., Northamptonshire, 1997) [15] schon damals auf Studienanliegen hinweisen können, die nicht zustande kommen konnten oder in nur kleinerem Umfang mit privaten Mitteln gestemmt wurden, weil Fördergelder nicht bewilligt wurden. Er hatte klar und durch mehrere Fallbeispiele aufzeigen können, dass die Vergabe von Fördergeldern davon abhängig gemacht wurde, ob eine Bestätigung für die Grundannahme, der Anstieg des CO2-Gehaltes in der Atmosphäre sei für den Klimawandel verantwortlich, zu erwarten war.

Auch konnte Calder schlüssig aufzeigen, wie der These vom CO2 als so genanntem Treibhausgas von bestimmten (von ihm zum Teil auch explizit benannten) Personen aus politischen Gründen ersonnen und mit beachtlichem Aufwand an medialer und Lobby-Arbeit, vielfach auch mit konkretem Druck auf Wissenschafter und Politiker, zügig Anschub verliehen worden ist. – Was sich hier für die eine oder den anderen lesen mag wie eine „Verschwörungstheorie“, wenn ich zuvor von politisch motivierten Interpretationen geschrieben habe, das ist längst Stand des physikalischen Grundverständnisses:

Der relevanteste Faktor im Hinblick auf die kleineren und auch großen Klimazyklen sind die wechselnden Abstände der Erde zur Sonne – die zu Klimaschwankungen über Jahrzehnte, Jahrhunderte und Jahrtausende führen. – Recht amüsant im Hinblick auf den inhaltlich doch eher verzerrenden Buchtitel, der aber zumindest für Aufmerksamkeit sorgt: Es ist an sich nicht die „manische Sonne“, sondern die verrückte Erde, die ein bisschen besoffen um die Sonne herumtaumelt.

Und genau hierzu ist heute auch längst bekannt, dass diese Schwankungen der Erdabstände zur Sonne auf Wechselwirkungen mit den anderen Planeten zurückgehen! Da nämlich wiederum alle Planeten unseres Sonnensystems ihre verlässlichen Bahnen ziehen, deshalb entstehen stets wiederkehrende Konstellationen der Planeten untereinander – was zu Wechselwirkungen der Schwerkraft auf die Bahn der Erde führt. … so, wie das im „Nahfeld“ für den Mond gilt, der dann eine Springtide verursacht, wenn Mond, Erde und Sonne etwa eine Linie abbilden. Und liegen alle drei auf einer perfekten Linie, dann fällt die Springtide besonders hoch aus.

Noch eine jede Physikerin und ein jeder Physiker, mit denen ich mich darüber vertraulich (!) habe austauschen können, hat mir diesbzgl. bestätigt: Der Einfluss der Planetenkonstellationen und einhergehend auf die großen Klimazyklen sind Stand der Kenntnis.

Darüber hinaus muss die Klimawirksamkeit des CO2 vor dem Hintergrund entschieden hinterfragt werden, als die Reaktion des CO2 auf Temperaturanregung zwar schlüssig abgeleitet und innerhalb der Teilchenphysik widerspruchsfrei beantwortet sein mag, aber in der Atmosphäre ein Spurengas bleibt, das mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit den Treibhauseffekt NICHT antreibt. – Auch darin sind sich Physikerinnen und Physiker einig. … wann immer sie nicht der öffentlichen Wahrnehmung ausgesetzt sehen.

Und hier nun möchte ich erinnern an die oben ausgeführten Beispiele für die rapide Ausweitung von VERSIEGELUNGSFLÄCHEN – und deren makroklimatischen Auswirkungen, die in der globalen Summe aber eine dramatische Rolle spielen!

Hiermit schließt sich der Kreis für die #Raumakustik, und auch für die #Architektur (weil günstigerweise Bauweisen und Baustile an das sich ändernde Klima anpasst werden): Es sind jene Erkenntnisse, die bereits in den 1990er Jahren vorgelegen hatten, aber bis heute geflissentlich ignoriert werden, mit denen man insbesondere für die KLARHEIT von SPRACHE in Kommunikationsräumen viel mehr machen könnte – wenn man nicht unablässig und lautstark den Nachhallzeiten eine Bedeutung zuspräche, die dem Nachhall gar nicht zukommt. Es ist in Wahrheit das KANTENVOLUMEN, das den eigentlichen und ursächlichen Einfluss auf die #Sprachverständlichkeit in Kommunikationsräumen nimmt.

  • – – –

[1] Jubitz, Karl-Bernhard & Göllnitz, Dieter: Geotopschutz im Tagebau Rüdersdorf bei Berlin; Brandenbirgische Geowissenschaftliche Beiträge 1/96

[2] www.tagesschau.de – Petersdorff, Griet von + Krauss, Martin: „Eine Region zwischen Wachstum und Widerstand“; 17.11.2024

[3] Goldmann, Sven: Flughafen Schönefeld – das „Berliner Loch“; Bundeszentrale für politische Bildung, 22.10.2024

[4] Website der „Flughafen Berlin Brandenburg GmbH“

[5] Statistisches Bundesamt: Statistisches Jahrbuch 2011

[6] Quelle: Weltbank

[7] Johannes Gutenberg-Universität Mainz; Numerische Mathematik, Weltbevölkerung 1650 – 2050

[8] Sinding, Steven: Wachstum der Weltbevölkerung; Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung; Artikel von Okt. 2007, aktualisiert 2012

[9]Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung; „8 Milliarden Menschen – 8 Milliarden Chancen“, 3. November 2022

[10] Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung; „Weltbevölkerung erreicht 8 Milliarden“

[11] Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung

[12] O’Neill, Aaron: Population of Bangladesh 1800-2020 und Statista, 2025

[13] Die große Chronik-Weltgeschichte; Wissen Media Verlag GmbH, Güterloh/München, 2008

[14] Statista

[15] Calder, Nigel: Die Launische Sonne widerlegt Klimatheorien; Dr. Böttiger Verlags-GmbH; 1997

an einem Tag der Ferien: Mountain-Runner

An Wochenenden wie auch in den Ferien stellt sich oft die Frage: Was machen mit dem Kinde, dass es spannend genug ist, um das Kind bei Laune zu halten – und spektakulär genug, um für die Klassenkameraden eine Geschichte mitzubringen.

Für die Ferien kann auch ein Spaziergang mal reichen.

Sogar eine ausgiebige Wanderung kann da reichen, die Abwechslung bietet, das Kind in Bewegung bringt und seine Kondition trainiert. Eine ganz schnöde Wanderung kann da schon reichen – und einen krönenden Abschluss bekommen.

Denn in der Tat fragte mein Bruder, ob es denn auf jener Wanderung, die ich vorgesehen hatte (nachdem ich in den Osterferien zu einem „Wandertag“ nach Langenberg eingeladen hatte), irgendwelche aufsehenerregenden Zwischenziele gäbe, die seinen Sohn bei Laune und Antrieb halten könnten. Jedoch, damit konnte ich nicht dienen im Windrather Tal: Die Windrather Kapelle würde zwar den Scheitelpunkt der von mir angedachten Route bilden, aber kaum eine herausragende Attraktion bieten.

Also nahm ich ganz ergebnisoffen ein paar Kilogramm Fotoausrüstung mit – ohne zwanghaft zu lauern, dass ich Motive oder Gelegenheiten fände, um das „Equipement“ zum Einsatz zu bringen. Dennoch ergab sich dann ziemlich zum Schluss der Wanderung eine Gelegenheit, um Material zu sammeln für die kleine Attraktion, die mein Neffe von dem Tag würde mitnehmen können.

Die etwa neuneinhalb Kilometer Wanderung hatte Milan klaglos, vergnügt und in guter Stimmung mitgemacht.

Schließlich aber hat es Spaß gemacht, den kaum 8 Jahre alten Milan mit einer solchen Begeisterung am Hang zu erleben, um ein paar Klappen von jeweils einigen Sekunden Länge als Rohmaterial mit nach Hause zu nehmen. Es hat Spaß gemacht, sich mit der GoPro in der Hand ins Geäst und auf den trockenen Waldboden zu werfen, um auf die Schnelle schöne Standpunkte zu gewinnen. Es hat auch Spaß gemacht, am Ende die Steilheit des Hangs unter Einsatz des Samyang 10 mm F2.8 in einem Foto festzuhalten.

Das bedient dann auch den Spieltrieb im Erwachsenen: Samyang 10 mm F2.8 an EOS 7D – und die GoPro fürs bewegte Bild.

Aber mit etwas bescheidenerer Ausrüstung geht das alles auch schon! Schließlich ringt man mit einem solchen Kurzfilm ja nicht um ein Krönchen in Cannes, sondern möchte dem Kind ein sehr persönliches Geschenk mit auf den Weg geben, das dann auch von einem gewissen bleibenden Wert ist…

Den Filmtitel hatte Milan noch im Wald und schnell gefunden: Mountain-Runner.

Schlag-Schatten – Leseproben

aus: Eine Bestandsaufnahme
Die gesetzliche Entwicklung zu Gewalt in der Erziehung

Zur Auslegung des Gesetzes heißt es 1977: „Die Eltern können zur Erziehung selbständig die geeigneten Maßnahmen ergreifen […]. Elterliche Erziehungsmittel […] sind Ermahnungen, Verweise, Ausgehverbote, Knapphalten, Taschengeldentzug. […] körperliche Züchtigung, jedoch nur im Rahmen des durch den Erziehungszweck gebotenen Maßes, also unter Rücksichten auf Gesundheit und seelische Verfassung des Kindes; sonst Mißbrauch im Sinne von § 1666 und strafbar […].“
Der Querverweis auf § 1666 BGB ist interessant aus der Kommentierung heraus: „Pflichtverletzung liegt vor bei […] Sorgerechtsmißbrauch, d. h. Ausnutzen der elterlichen Gewalt zum Schaden des Kindes: übermäßige Züchtigung, z. B. Schläge gegen einjährige Tochter […], auch deren Duldung durch anderen Elternteil oder Dritten; […] hysterische Tobsuchtsanfälle […].“
Beachtenswert ist die Mitschuld des ggf. nur duldenden Elternteils, wenn es um Misshandlung in der Erziehung geht.
[…]


Eine traumatisierende und wiederholt, aber unvorhersehbar sich wiederholende Form von exzessiver Gewalt in der Erziehung führte bereits in den 50er Jahren zum gerichtlichen Entzug des Kindes!


wie und wo Sie das Buch kaufen?

Immerhin wird aber schon in den 1980er Jahren die Gewaltanwendung in der Erziehung rege diskutiert. Eher absurd wird noch 1985 die Meinung vertreten, dass „die Forderung nach einer gesetzlichen Abschaffung des elterlichen Züchtigungsrechts ([…] verwirklicht in Schweden durch Gesetz vom 22.3.1979 […]) ebenso unrealistisch wie sachwidrig“ sei.
[…]
„Durch das Gesetz zur Ächtung von Gewalt in der Erziehung vom 2.11.2000 […] ist in § 1631 Absatz 2 BGB ein gesetzliches Verbot von ‚körperlichen Bestrafungen, seelischen Verletzungen und anderen entwürdigenden Maßnahmen‘ eingeführt worden.“ Hier wägt der Autor ab: „Die Argumente für das Fortbestehen eines Rechts zur ‚mäßigen‘ Misshandlung […] setzen sich mit dem Hinweis auf allfällige Nervenbelastungen (und die daher ‚ausrutschende‘ Hand) in Widerspruch zur Behauptung einer Rechtfertigung (oder gar: Tatbestandslosigkeit) durch pädagogische Motivation […].“4 Mit der „mäßigen Misshandlung“ stolpert der Autor verbal über das eigene Anliegen: Eine „mäßige“ Handlung ist zwar umgangssprachlich meistens als „geringfügig“ zu verstehen, aber im juristischen Jargon als „maßvoll“ oder „angemessen“. Eine Miss-Handlung, eine verfehlende Handlung, kann in sich logisch niemals „angemessen“ sein. Dann aber weist er richtig darauf hin, dass argumentativ unverträglich eine Handlung im Affekt – als an sich unangemessene, unbewusste Reaktion auf eine bestimmte Situation – vermischt wird mit der bewussten Motivation, erzieherisch angemessen zu handeln. Diese Abwägung stammte noch aus der Zeit  vor  der Gesetzesnovelle von 2000, erscheint dem Autoren aber schon grundsätzlich als absurd. Folgerichtig weist er an anderer Stelle noch einmal auf die juristische Konsequenz hin: „Individuelle Schuld-Gesichtspunkte (z. B. lebensumständliche, persönlichkeitsbedingte [und] situative Überforderung; eigene Gewalterfahrung) sind bei der Strafzumessung zu berücksichtigen […], können aber weder einen generellen, dogmatisch unklaren Freiraum begründen, noch eine kriminalpolitisch motivierte (prozessuale) Einschränkung der Verfolgbarkeit.“

aus: Im freien Fall
[…]
„An mein erstes Leben kann ich mich nicht erinnern. Überhaupt nicht.
Und ich muss etwa vier Jahre alt gewesen sein, als dieses Leben endete. Ich wurde missbraucht. Von wem, das weiß ich nicht. Ich kann mich auch nicht daran erinnern, was mit mir geschehen ist. In meinem zweiten Leben ignorierte mich mein Vater, und meine Mutter liebte mich nicht. Mein Bruder bekam alles. Ich bekam alles, was nötig war, um uns wie eine ganz normale Familie erscheinen zu lassen.
Die wenigen Beziehungen, die ich mit Männern hatte, sind alle gescheitert. Immer hatte ich Angst, mich auf sie einzulassen. Mit Berührungen kann ich gar nichts anfangen. Grundsätzlich lasse ich mich gar nicht berühren. Von niemandem. Selbst der Handgruß ist für mich nicht selbstverständlich. Wenn ich dann zu einem Mann Vertrauen gefasst habe, dann wird es allmählich schön, angenehm, geborgen. Ich glaube, es gelingt mir sogar, guten Sex zu erleben.
Aber dann, irgendwann – und das ist immer so – kommt zum ersten Mal beim Geschlechtsakt dieses Bild…
Dann geht meine Zimmertür auf. Jemand tritt ein. Ich erkenne niemanden. Es ist nur ein Schatten. Eine Kontur, der ich nicht entnehmen kann, wer es war… Der Moment, mit dem mein erstes Leben enden sollte. Der Moment, mit dem jede Erinnerung endet. Der Moment, an dem fortan jede Beziehung scheitert.
[…]


Gewalt in der Erziehung ist nicht nur die sichtbare Gewalt!


aus: Vertrauen ohne Nähe
„Von Anfang an geht es um Vertrauen. Als Kind und als Jugendliche ist sie einsam abgestürzt in ihrer Angst. Das Verhältnis zu dieser Madame soundso muss von Anfang an geprägt gewesen sein von dem Vertrauen, das Heike in ihr bestätigt fand. Dann nämlich konnte sie in den alten Gefühlen baden, ohne darin heillos ertrinken zu müssen…“
„Naja, wie auch immer“, hielt sich Heike in Sachlichkeit über Wasser, „jedenfalls erzählte Heike dann noch, dass diese Madame Yasmina am Ende alles so gut, so gewaltig und so friedlich auflöste… Das könne sie bei mir nicht bekommen. Und deshalb müsse sie da wieder hin, zu dieser Madame Yasmina – weil sie bei mir den letzten Gipfel der Lust und den letzten Gipfel des Friedens nicht erlangen könne. – Und auch nicht das Verständnis dafür…  D a s  tat besonders weh, dass sie mich als verständnislos hinstellte. Aber es stimmte wohl.“
[…]
Gedankenverloren, nein, gedankenerstarrt schaute Sabrina vor sich hin. Plötzlich sagte sie sehr leise: „Ich hatte Heike gefragt, ob das denn niemals aufhören würde. – Und sie sagte: ‚Nein, es hört niemals auf. Aber wenn ich den Schmerz fühlen kann, dann geht es mir besser!‘ – N i e m a l s , sagte sie. Und immer wieder erzählte sie und erklärte sie. Und immer wieder bat sie mich, dass ich sie verstehen möge… und immer wieder fragte sie mich, ob ich sie jemals würde verstehen können…“
[…]

aus: Gewissensqualen
„Helga meinte, sie hätte einige Fehler gemacht, was ihre Tochter betraf. Der größte war ihrer Meinung nach der, dass sie ihren Mann nicht schon verlassen habe, als er gewalttätig gegen ihre Tochter geworden sei…“
„Womit“, fiel ich Sabrina ins Wort, „sie bei Dir einen wunden Punkt getroffen hatte.“
Sabrina sah mich an und legte ihren Kopf schief mit einer Frage im Blick, die sie nicht aussprach. Ich hob die Augenbrauen zur Gegenfrage – und Sabrina nickte zaghaft.
„Ja“, begann sie dann bedächtig, „sie stellte die Rolle in Frage, die ich meiner Mutter stets eingeräumt hatte. Ich hatte meine Mutter stets in die Schutzzone des Opfers mit aufgenommen. Und hatte sie auf das Podest der tapferen Widerstandskämpferin gehoben. – Und plötzlich gesteht mir eine Mutter selbst ein, dass die Mitschuld im Verharren als Opfer besteht. Plötzlich gesteht mir eine Mutter selbst ein, dass die Verantwortung für die eigene Tochter nicht bei der hilflosen Parteinahme und Fürsprache hätte enden dürfen, wenn sich damit erkennbar die Gewalt nicht verhindern ließ…“
„Plötzlich gesteht Dir eine Frau ein“, fuhr ich für Sabrina fort, „dass die Entscheidung, bei ihrem Mann zu verbleiben oder sich zu trennen, keineswegs mehr allein  i h r e  Sache sei, wenn es um die Verantwortung für Dritte – also insbesondere für die eigenen Kinder – geht!“
[…]

Frederick und sein Blick aufs Meer

Leseproben auszugsweise aus meinem Buch für Kinder und die ganze Familie
„Frederick – und sein Blick aufs Meer“:

„Frederick – und sein Blick aufs Meer“: hier liest die ganze Familie gern

Wo Sie das Buch, als Taschenbuch oder als e-Book, kaufen können, finden Sie hier.

(auszugsweise:)

Sein Blick aufs Meer

[…]
„Setz Dich!“ rief er begeistert aus, ließ sich selbst im Schneidersitz auf der breiten Mauer nieder und zog Linda an der Hand herunter zu sich, damit sie neben ihm sitzen würde.
„Siehst Du das? Da hinten! Das ist die Westsee!“ Erwartungsfroh sah er zu Linda hinüber. „Ja“, klang Linda enttäuscht, „aber man sieht ja gar nicht viel.“
Unter der Friedhofsmauer dehnte sich erst einmal ein gutes Stück Land, mit Äckern und Wiesen, mit kleinen Waldstückchen hier oder dort, mit ein paar Bauernhöfen. Die Landschaft lag in vielen verschiedenen Grüntönen unter der klaren Sonne – nur die Getreidefelder hoben sich golden ab.
Und weit dahinter konnte man die blaue See erkennen.
„Siehst Du, Linda, wie schön das hier ist?“ Er knuffte Linda in die Seite, um eine Reaktion heraus zu fordern. Sie schnappte nach seiner Hand und hielt sie fest. „Wenn mein Vater anfing, das Grab zu pflegen“, erzählte Frederick, „dann bin ich immer weggegangen, bin so über den Friedhof gelaufen. Und irgendwann hab ich diesen Ausblick entdeckt. Seitdem komme ich manchmal hier auf den Fried- hof, nur um mich auf diese Mauer zu setzen…“


Die Blicke zweier Kindergesichter verloren sich in Richtung des Meeres. Das eine Gesicht sanft, im Glück strahlend, das andere noch etwas ratlos.
„Dann sitz ich hier und träum vom Meer“, erzählte Frederick weiter. „Nur ich. Ganz alleine im Boot. Und dann fahr ich bis zum Horizont und noch dahinter.“
Der Wind blies ihnen heftig ins Gesicht und roch nach Meer. Frederick war glücklich. Und Linda war glücklich, weil Frederick endlich einmal etwas er- zählte: Von sich – und ganz von sich allein, ohne dass sie zuvor mit Fragen gedrängt hatte.
Das Wetter war schön, die Luft roch frisch,
der Wind war mild. – Aber in Linda brannte die Neugier nun zu sehr, endlich einmal mehr zu erfah- ren von diesem Jungen, der ja plötzlich auch ganz normal reden konnte! Der Junge, der also nicht nur schweigen konnte! Dieser Junge, der tatsächlich mehr sprechen konnte, als nur das Allernötigste – und nur, wenn man ihn direkt fragte.
Und so unterbrach sie irgendwann die Stimme des Windes, der im Laub der Büsche unterhalb der Mauer und in den Bäumen um sie herum rauschend, zischend und surrend seine abwechslungsreichen Melodien spielte. „Wieso bist Du eigentlich im Heim, wenn Du doch noch einen Papa hast?“
Frederick schwieg.
Linda hielt nur stumm seine Hand.
Und dann gingen ganz allmählich bei Frederick die
Türen auf:
„Linda?“ fragte Frederick leise, „kannst Du ein
Geheimnis für Dich behalten? Wenn ich Dir was sage, was keiner weiß außer mir?“
„Hm“, war Linda irritiert, „auch meiner Mama nicht? Die ist nämlich meine beste Freundin. Und deshalb kann ich der auch alles sagen.“
„Nein!“ stellte Frederick trocken fest. „Auch Deiner Mama nicht! Das ist dann nur ein Geheimnis unter uns zweien!“
Linda schwieg.
Linda dachte lange nach und erwog. Sie wollte keine Geheimnisse haben vor ihrer Mutter. Sie wollte nichts verbergen vor ihrer Mutter. Und sie fürchtete, es würde bald ganz unausweichlich dazu führen, dass sie ihre Mutter würde anlügen müssen, nur um dieses Geheimnis wahren zu können.
Aber es reizte sie auch, mit Frederick ein Geheimnis zu teilen. Nur mit Frederick. Linda fand es irgendwie aufregend und spannend, mit Frederick ein Geheimnis zu hüten.
Diese stille Verbundenheit, die dann zwischen Frederick und ihr bestehen würde, erschien ihr sehr verlockend. Und sie hoffte auch, ihm nun endlich näher kommen zu können. Linda konnte Frederick gut leiden. Auch wenn Linda gar nicht hätte sagen können, warum sie ihn so gern hatte. Er redete ja wenig. Und er redete nie von sich selbst. Aber nun stellte er in Aussicht, ihr ein echtes Geheimnis von sich selbst zu verraten! Näher würde sie ihm ja gar nicht mehr kommen können!
Und Linda fasste einen Entschluss.
„Ja, Frederick“, sagte Linda, nachdem sie meinte, lange genug darüber nachgedacht zu haben.
„Ja, versprochen. Das bleibt dann nur unser Geheimnis.“
[…]

(komplett:)

Ein Wintertag

Es war grau in grau. Es war bitter kalt – und regnete Bindfäden.
Die Schüler waren vom Winterregen pudelnass. Sie drängten sich frierend in der Eingangshalle der Schule zusammen, schimpften über das Wetter, spritzten sich noch gegenseitig mit dem Wasser auf ihrer Kleidung nass… als ob das noch irgendetwas änderte.
Aber jeden, der nass gespritzt wurde, ärgerte das, weil jeder der Nässe überdrüssig war. Und so ver- mischten sich schadenfrohes Gelächter mit lautstarkem Schimpfen, vermischten sich Reden und Erzählen mit Rufen und Brüllen. Lärm beherrschte die Halle. Die Stimmen einiger Lehrerinnen und Lehrer, die zu etwas Ruhe aufzurufen versuchten, gingen meist ungehört unter im Tosen der Schülermenge.
Erst der Gong drang durch und löste, wie von Geisterhand geführt, die Schülermenge auf. Dort stürmten Stimmen und Tritte in den einen Flur, da trommelten stampfende Füße die Treppen hinauf und in einen anderen Flur heinein.
Und nach einigen Minuten war in der Eingangshalle die Stille mit sich allein.
Erleichtert über die Ruhe, und doch auch einsam
mit der Leere, schnappte die Stille nach den letzten, in der Ferne widerhallenden Kinderstimmen und den letzten zugeschlagenen Türen. Dann…
… nichts mehr.
Allmählich und schüchtern suchte die Stille Kameradschaft zu knüpfen mit dem leisen Zischen und Pfeifen, das der Winterwind den Türritzen entlockte. Und Kameradschaft mit dem seichten Prasseln des Regens, das durch Türen und Fenster gedämpft in die Halle drang.

(Auszug aus:)


Als Kinderbuch konzipiert, ist mit Spannung die ganze Familie dabei!


Stolz und Staunen

[…]
„Voilà!“ sprach Frederick geschwelgt aus und schwang dabei weit ausholend und anbietend den linken Arm, um schließlich mit dem gestreckten Arm und der flach nach oben offenen Handfläche in Richtung seines Schreibtisches zu zeigen.
Frederick kannte die Bedeutung des französischen Wortes „Voilà“ gar nicht. Frederick hatte sich das nur vor kurzem aus einem Film abgeschaut und gut gemerkt. Es hatte Frederick schwer beeindruckt, wie dort ein Mann mit einer attraktiven Frau über einen Hafenanleger ging und – an einem bestimmten Boot angelangt – mit dieser großzügigen Geste auf eine prächtige Segelyacht zeigte. Die Szene wurde zum Auftakt einer Segeltour: Der Mann kreuzte mit der Frau für ein paar Tage durch die Westsee und bis ins Skagerrak hinein. Die Filmemacher hatten mit schönen Naturaufnahmen von der See und den Küsten nicht gespart. Am Ende des Films sollten die beiden dann auch tatsächlich zusammen kommen…
Aber so weit waren Linda und Frederick noch lange nicht…

Frederick war sehr stolz, als er auf die Skulptur schaute, die er sich auf seinen Schreibtisch gestellt hatte. Etwa sechzig Zentimeter groß, stand dort eine Figur in grauen Farbtönen.
Linda ging langsam darauf zu, staunend, mit großen Augen und offenem Mund: Linda mochte etwas sagen, wollte etwas fragen und… wusste gar nicht, womit anfangen. „Was ist das?“ fragte sie schließlich.
„Ein Steinbock!“ sagte Frederick fast empört. ‚Hab ich doch erzählt!‘ dachte Frederick bei sich.
„Nein!“ war Linda ungeduldig, „ich meine: Woraus ist der?“ „Aus Speckstein!“ rief Frederick aus und grinste breit – er ahnte schon, dass er Linda mit dieser Antwort wohl nur noch mehr irritieren würde. Denn gut konnte er sich noch daran erinnern, dass er selbst gar nicht wusste, was das sein sollte. Weicher, fettiger Speck und harter, kalter Stein – das hatte auch für Frederick gar nicht zusammen passen wollen, als er von seinem Vater zum ersten Mal davon hörte.
„Was ist denn das?“ drehte Linda sich fragend zu Frederick um. „Speck… stein?“
„Ja, ich weiß nicht. Das ist irgendwie ganz komisch. Einerseits sagt man ,Stein‘ dazu – aber andererseits kann man den bearbeiten wie Holz… oder so. Also jedenfalls ist der so weich wie Holz… aber ist eben doch ein Stein.“
Linda stand nun ganz nah bei der Skulptur und hielt ihre rechte Hand dicht über dem Rücken des Tieres in der Luft. Sie wollte unbedingt auch einmal wissen, wie sich dieser Stein anfühlte… Langsam drehte sie ihren Kopf zu Frederick und fragte mit leuchtenden Augen: „Darf ich?“
Frederick nickte – und spürte einen großartigen Stolz in sich aufsteigen. „Warum nicht?“ Und Linda ließ ihre Hand auf das Tier sinken. Dann nahm sie auch die linke Hand hinzu und strich nun mit beiden Händen sanft und ganz ohne Druck über den Stein. Linda fröstelte: Sie hatte eine – wie man zu sagen pflegt – Gänsehaut, als sie die Figur berührte und mit ihren Händen spüren konnte.
Leise flüsterte Linda in stiller Faszination: „Mein Papa sagt immer, dass man Kunst niemals anfassen darf. Immer nur ansehen. Aber niemals mit den Fingern daran gehen.“
„Ja“, sagte Frederick nüchtern, „in Museen! Das sagt mein Papa auch. Aber bei mir darfst Du solche Sachen auch anfassen!“
[…]