WDR-Moderator schmäht Jan Josef Liefers

Jan Josef Liefers hatte dem Monster aus der Hand fressen müssen – und sich VOR dem Fall der Mauer (und trotz aller Unwägbarkeit) Worte zu sagen und Öffentlichkeit zu wählen getraut. Im Alter von 25 Jahren. Welpenschutz kennt ein jegliches System für ein solches Alter nicht mehr – verbaut aber nach Gutdünken Lebenswege. Womit ich sagen möchte: Jan Josef Liefers ist im vollen Bewusstsein und auf volles Risiko in Opposition gegangen zu einem Regime, das zerbrechlich war zu diesem Zeitpunkt – aber auch umso unberechenbarer. Gorbatschow hin oder her – der sich nicht eingemischt hätte, wenn es in Berlin oder Dresden, und bezeichnenderweise genau im selben Jahr, ein zweites „Tiananmen“ gegeben hätte (wie ich das hier einmal salopp abkürzen möchte).

vorangestellter WDR-Bericht nicht neutral und verurteilt voraus

Möge einer vortreten und Jan Josef Liefers – um es formal abzumildern, mit einem plakativ gesetzten Fragezeichen dahinter – „naiv“ nennen. Möge dieser – als Vertreter eines öffentlich-rechtlichen Senders – für sich beanspruchen, Gegenstimmen eine Stimme zu geben. Es gerät zur Posse. Und zur verzweifelten Verteidigung seiner (des WDR-Moderators) Selbstachtung.
Es musste zwangsläufig der WDR sein, derweil Liefers ein bekannter und beliebter Tatort-Pathologe im Sendegebiet des westdeutschen Rundfunks ist: Jan Josef Liefers steht nun einmal für Prof. Karl-Friedrich Boerne in Münster.

Wir wähnen uns alle weit weg von Bevormundung. Aber wir sind näher dran, als wir das auch nur zu denken vagen. Die „Verschwörungstheoretiker“, die „Querdenker“ (das ist die neue Verunglimpfungspauschale, die nichts kostet und so locker ausgeteilt ist) haben früh davor gewarnt – und zweifelsohne reihenweise heillos überzeichnet.

Regierung toppt bisherige Maßnahmen am Grundgesetz vorbei

Aber nun bekommen wir eine Ausgangssperre, die epidemiologisch jeder Rechtfertigung entbehrt. Denn angenommen, im Zählkreis steigen die Zahlen, dann waren die „Spreader“ aber weder draußen, noch nach 22 Uhr, noch zwischen Mitternacht und 5 Uhr. Dann sind die Zahlen nicht irgendwo draußen bei den vereinzelten Spaziergängern oder Wanderern oder Sportlern in die Höhe geschossen. Ach nein: Die Sportler, jene also, die eine sportlich erscheinende Kluft tragen und Joggen, die sind ohnehin freigesprochen. Bis Mitternacht. – Und also: Außer, jemand hätte kollektiv in seinen Geburtstag hineingefeiert, corona-konform unter freiem Himmel, und hätte ab Mitternacht alles umarmt und geküsst, was und wer ihm (oder ihr) an großer Zahl und persönlich Glückwünsche überbringen möchte.
Mit diesem Einzelereignis ist dann aber jenes Ausgangsverbot für alle Einwohner des betreffenden Zählkreises nicht im Geringsten zu rechtfertigen, selbst wenn nun irgendjemand behaupten wollte, dass eine solche Geburtstagsfeier verhindert werden könne durch genau so eine zeitliche Beschränkung! Denn wer so feiern möchte, lädt zum Essen schon vor 22 Uhr – und lässt die Gäste erst nach dem Frühstück wieder heimwärts ziehen. Liebe Bundesregierung: Ihr verbietet das ohnehin, weil jeder Haushalt nur noch eine Einzelperson zu Besuch haben darf. Aber dasselbe gilt für draußen: „Kollektiv“ sind Sport und Spaziergänge ja nur unter Abstandsregeln erlaubt. Und zwischen 22 und 24 Uhr möchte man nur Einzel“sportler“ erwischen.
Ich frage einmal ganz bewusst provokativ: Geht es eigentlich um Naturschutz? 5 Stunden Frieden vor dem Menschen – für Wildschein, Reh und Fuchs.

WDR-Moderator in gewohnter medialer Manier rüde und geschmacklos

Schwer trumpft der WDR-Moderator damit, Liefers habe absehen müssen, dass er für seine Botschaft „von rechts“ Beifall ernte.
Weil etwa eine AfD Widerstand und Missgunst so weitreichend gewohnt ist, dass die sich trauen, vor dem spärlich versammelten Bundestag der Kanzlerin sehr konkrete Vorwürfe zu machen? Aus den anderen Reihen klingt das deutlich zaghafter – oder man ist längst mundtot.
Aber da kann man doch jenen 50 (den Schauspieler-Aktivisten) keinen Vorwurf draus machen, nur weil die Inhalte sich überschneiden! Sondern den Mundtoten muss man einen Vorwurf machen. Aber die Mundtoten sieht man nicht, weil sie schweigen. Da weiß man also nicht, wen man ansprechen soll – gar, wen man prügeln kann.

Es gibt immer irgendjemanden, der sich missverstanden fühlen WILL. Aber den Medienwissenschaftler Alexander Sängerlaub – der dazu gereicht, den Beitrag des WDR klar zu tendieren, und der der Diskussion mit Jan Josef Liefers vorangestellt ist – möchte ich hier noch nicht einmal kommentieren. Möge jeder sich seinen eigenen Teil dabei denken.

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Eine Aktion für die Unerhörten

Auch die Äußerungen von Herrn Ulrich Matthes zeigen deutlich, wie verloren nun gerungen wird um Begriffe und Deutungshoheit in Fragen von Humor, Ironie, Sarkasmus, Zynismus.
Es IST Zynismus! Das ist meine persönliche Meinung. Es ist treffsicherer Zynismus. Auch meine persönliche Meinung. Matthes gibt sich dabei unerschrocken – und ganz im Sinne der Unerhörten: Die da, allen voran im Gesundheitswesen, vermeintlich dem Hohn ausgliefert wurden.
Das sage ich allem Geschrei derer zum Trotz, die sich nun übersehen fühlen – oder von denen behauptet wird, sie seien auf diese Weise gekränkt und übersehen worden: GERADE diese hat man gesehen mit dieser zynischen Anprangerung – und genau NICHT auf diese geschossen.
Meine ganz persönliche Meinung.

Humor ist ein Lebensmittel, Zynismus ein Schmerzmittel.

Ulrich Matthes disqualifiziert sich selbst hinlänglich, wenn er da eine Aktion als „komplett naiv und geradezu balla-balla“ (Matthes wörtlich) nicht mehr kritisiert, sondern nur noch abserviert. Und wenn er später offenbar sein Demokratieverständnis erfreut darauf zu reduzieren versteht, dass er immer wieder auf politischer Ebene hervorheben darf, die Kunst – gerade in diesen Zeiten der Krise – bedürfe der besonderen Berücksichtigung, dann hat er von jenen Video-Botschaften genau nichts verstanden.
„Ich muss wirklich deutlich sagen, ich habe mich überhaupt nicht in all dem ganzen Jahr als Untertan der Regierung gefühlt und mir wurde meine kritische Meinung auch nicht abgeschnitten. Ich habe immer wieder […] beklagt, dass um die Kultur sich sehr viel zu wenig gekümmert wurde. […] und immer wieder dafür werben, dass an die Kultur gedacht wird.“ Und so weiter. Matthes in eigenen Worten und in eigener Sache.
Dazu deutlich im Unterschied haben „die 50“ kein Klagelied für die Kunst erhoben, sondern ihre Anklage gegen das Regierungsgebahren eingereicht. Das muss man sich nicht einmal von Herrn Liefers erklären lassen.
Ich kann mich nur in dieser Form an Herrn Matthes ganz persönlich richten: Jawohl, Demokratie vollumfänglich verstanden.

„Das Leben der anderen“

Ich fühle mich erinnert an „Das Leben der Anderen“. Ein prächtiges Filmwerk, das am Ende natürlich dem Zuschauer auch nur eine vage Ahnung von dem Vermitteln kann, was jener Druck unter einem solchen Regime bedeutet. „Er will ja nicht weg“ sagt der Haupt-Protagonist zum ‚Genossen Minister’ über einen Kollegen, der seit 10 Jahren in der DDR nicht mehr als Regisseur abgerufen wurde, „weil er fest an den Sozialismus glaubt. Und an dieses Land. Sein Berufsverbot ist…“ „Aber wer redet denn von Berufsverbot?!“ fällt der Minister ihm mit der Ruhe der Fassungslosigkeit ins Wort. „Sowas gibt’s doch gar nicht bei uns.“ Und derselbe sagt dem Schriftsteller und Bühnenautoren: „[…] aber das lieben wir ja an Ihnen: Die Liebe zum Menschen […]“ Dieser Autor engagiert sich nun noch einmal zaghaft für den geschnittenen Regisseur: „Er ist voll der Hoffnung, dass sein Berufs… Dass er bald wieder arbeiten darf. Darf er hoffen?“ Das wollte diplomatisch sein. Aber der Genosse Minister ist in der schon plakativen Überbetonung beinahe ehrlich: „Natürlich darf er hoffen!“
Und so darf auch ein Herr Matthes – denn wenn es um Geld geht, dann gibt es keinen Unterschied zwischen einem real existierenden ‚Sozialismus‘ und einer von uns so genannten ‚sozialen Marktwirtschaft‘ –weiter seine kritische Meinung äußern und für die Kunst werben.

das reale Leben als Persiflage ?

Matthes hatte die besten Voraussetzungen: In West-Berlin geboren, lebte er auf der richtigen Seite des Eisernen Vorhangs – aber auf einer politischen Insel, wie ich West-Berlin dereinst immer genannt hatte. Ein Westdeutscher, genau wie ich. Aber ich bin ein Westfale (und im Münsterland geboren), habe also irgendwie doch immer weit genug weg gelebt von diesem anderen Deutschland – um es besser verdrängen zu können. Naja, andererseits trainiert es die inneren Verdrängungsmechanismen vielleicht auch umso besser, je näher man dem Monster war.
Nicht verdrängt hatte schon damals ein Jan Josef Liefers, der mit 25 Jahren nicht Opportunismus, sondern Opposition bewiesen hatte – noch VOR dem Mauerfall, und also mit ungewissem Ausgang für den Fortgang seines Lebens unter einem Regime, das wir Westler komfortabel von außen beobachtet hatten. Jene unwägbaren Tage und Monate des Umbruchs waren für den Westen kein Risiko – sehr wohl aber für jeden so genannt „Ostdeutschen“. – „Wir“ im Westen hätten einen anderen Ausgang der Geschichte konsequenzfrei als tragisch empfunden.
Ich muss es hier nun also einmal plakativ herunterbrechen, damit es nicht zu lang wird: Da ist rein gar nichts verstanden worden, wenn Herr Matthes äfft: „Ich puste mal aus Witz und Humor und Jux und Dollerei – oder Ironie, von mir aus – in eine Tüte und mache da irgendein Beatmungsgerät nach…“
Schade. ICH habe das Beatmungsgerät damit nicht einmal vage assoziiert. Und das ist mit dieser Metapher auch nicht gemeint!

mein persönliches Resümee:

Nicht einmal mehr, verehrter Herr Matthes, missverstanden. Sondern: Nichts verstanden! Schade, da Herr Matthes offenbar aus seiner Position heraus beansprucht, für ein größeres Kollektiv zu sprechen.

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Dank an Jan Josef Liefers und „die 50“

Ich richte mich hiermit konkret an Herrn Jan Josef Liefers, der zumindest mit dem (scheinbar) größten Wirbel in die nachgeschaltete Diskussion geraten ist– und diese auch angenommen hat.
Ich muss mich entschuldigen für meine späte Reaktion. Aber nachdem alle Möglichen und weniger Möglichen – also auch solche, die sich als fremdberufen und deshalb hinlänglich befugt fühlen, sich zu äußern – über Herrn Liefers und Kolleg*innen in der hässlichsten Weise herziehen, muss ich einmal als ein Unbedeutender Stellung beziehen.
Denn die „Prominenz“ und deren durchschnittlich bessere wirtschaftliche Situation gegenüber anderen Schauspieler*innen, die um ihre Existenz bangen, ist den Akteuren ja zu allem Überfluss auch noch vorgeworfen worden.
Hätten jene und ihresgleichen umgekehrt nichts gesagt, so gäbe es sicherlich irgendwann und von irgendwo jemanden, der denselben den Vorwurf machte, dass sie hinreichend gut abgesichert seien, dass sie nichts Besseres mehr zu tun hätten als: zu schweigen.

Irgendjemandem stinkt immer irgendetwas

Ulrich Matthes als Schauspieler – „auch Präsident der Deutschen Filmakademie“, wie er uns auf 3sat in der KulturZeit vorgestellt wird – erlaubt sich ein Urteil, das nichts ist als in große Opfer-Solidarität gekleidetes Selbstmitleid.
Ich bin also umgekehrt erschüttert und fasungslos, wie Ulrich Matthes seine Kolleginnen und Kollegen gleichsam in den Staub tritt, statt wenigstens mit Respekt für sich persönlich festzustellen, dass er sich nicht hätte beteiligen mögen, weil Zynismus auch unter ärgerer Bedrängnis etwaig nicht sein Mittel der Wahl sein möchte.

Adolf Winkelmann, seines Zeichens Regisseur, schmäht in vergleichbarer Manier im WDR – und entmündigt den Schauspieler schlechthin, indem er sagt: „So etwas passiert, wenn man dem Schauspieler das Drehbuch wegnimmt.“
Ich erlaube mir – nun wirklich frech – diesem Herrn dieselbe Unsachlichkeit zurückzugeben, mit der er explizit als Regisseur Schauspielern die Fähigkeit abspricht, eigenständig zu denken: Mit diesem Vornamen sollte man einmal mehr darüber nachdenken, ehe man über das eigenständige Denken anderer herzieht, dieses gar aburteilt. Aber ich weiß sehr wohl: Die Namenstaufe muss man hinnehmen – das sind Geschmack oder Geschmacklosigkeit von Eltern, derweil die Opfer dieser lebenslänglichen Etikettierung nach Alter und Vermögen zu Widerstand noch nicht in der Lage sind. (Eine Hazel Brunner etwa hat als Comedian einen Weg gefunden, ab und an vermittels ihres Vornamens andere auch einmal legitim über ihren Vornamen zum Lachen zu bringen. Als Kind musste sie das Lachen anderer schlicht erdulden.)

Schauspieler pauschal verunglimpft

Möge Herr Winkelmann einfach von Alters wegen nur noch gering aktiv sein, damit er sein doch sehr bemerkenswertes Gift nicht mehr gar so umfangreich verspritzen kann. Wie gesehen nutzt er umgekehrt die Medien, um weithin nicht überhört zu werden.

Ich bin umso mehr und höchst erfreut, dass es auch noch so etwas wie Sinn und Verstand gibt: Herr Tom Bohn, nicht nur Fernsehregisseur, wird von der ‚Welt’ interviewt – in deren TV-Plattform. Die Aufzeichnung gibt es ebenfalls auf Youtube zu sehen (WELT-Nachrichtensender). Und nun sage man nicht gleich wieder: Wenn der seit 2019 gelegentlich auch journalistische Beiträge für die WELT beisteuert, dann sind die dem natürlich wohlgesonnen…
Langer Rede, der 5 Minuten Interview Sinn: Herr Bohn erklärt jedem in Kurzform, wie die Kunst der 50 zu verstehen ist – und weshalb man das auch so sagen darf wie diese 50.

Die WELT ist ohnehin deutlich neutraler als manches Organ der Presse, wenn die WELT von der Aktion schreibt, „bei der Dutzende Schauspieler mit ironisch-satirischen Clips die Corona-Politik der Bundesregierung kommentieren“. – Frei von Ereiferung wird dort nüchtern der Adressat benannt. Und keinen anderen Adressaten dieser Aktion hat es je gegeben.

Jan Josef Liefers bleibt standhaft

Nachgeschaltete Distanzierungen sind keine Uminterpretationen, sondern eine Schreck- und Schockreaktion auf ein nachgerade gewolltes und vor allem – bei all dem kollektiven Zuspruch – weidlich gepflegtes Missverstehen.
Ich bedauere, dass einige Schauspielerinnen und Schauspieler ihre Beiträge zurückgenommen haben, nachdem es Zorn und Entrüstung gab – aber „zu allem Überfluss“ auch Beifall und Zuspruch „von rechts“: Allein die übrigen Parteien des Bundestages – und nicht jene 50 Schauspieler*innen – haben es zu verantworten, wenn aus deren Reihen oppositionelle Positionen nicht geäußert werden, weil es zugleich Argumentationen einer AfD sind.

Ich muss jedem noch so aufgeklärten Demokraten zu bedenken geben: Wer berechtigte Kritik deshalb nicht äußert, weil der verhasste Gegner dieselbe Kritik auf den Lippen hat, dann stärkt man gerade diesen Gegner – weil man von außen wahrnimmt, dass nur dieser eine ausspricht, was doch gesagt sein und vertreten werden müsse. Die Logik von Parteipolitik und auch von Parteiräson verlässt hier mit bedrohlicher Konsequenz die Vernunft demokratischen Agierens.

Danke, danke, danke…

Nun abschließend noch einmal geht mein Dank „nur“ stellvertretend an Jan Josef Liefers. Stellvertretend für 50 Schauspieler*innen. Leider hatte ich die Aktion nicht zur Stunde der Veröffentlichung mitbekommen, so dass ich nur noch 33 der Beiträge kennenlernen konnte.

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Tieffliegen in der Röhre

RapidExpress – High-Speed-Magnetgleiten zwischen Paris und Madrid
(NN, 3. Juli 2016; von Jean-Lewin Flotow)

Was vor 50 Jahren noch reine Zukunftsmusik war… mit dem heutigen Tage gehört sie der Vergangenheit an. Denn heute morgen um Schlag 10 Uhr wurde mit Zeremonien in Paris und Madrid die erste RapidExpress-Verbindung ihrer Bestimmung übergeben.

Ich erinnere mich noch, dass ich 1994, also genau vor 22 Jahren, als junger
Volontär einen Bericht über die führenden Hochgeschwindigkeitszüge in
Europa, den französischen TGV und den deutschen ICE, ausgearbeitet habe.
Ich weiß noch, wie ich schwärmerisch im Resümee eine Zukunft voraussah, in
der sich ein Netz der Hochgeschwindigkeitseisenbahnen über Europa hinziehen
würde.

[Technik begeistert: Reisen wie im HpyerTube]

Und heute morgen, nur zwei Jahrzehnte später, habe ich in 75 Minuten eine Fahrt von Paris nach Madrid hinter mich gebracht. Und mich hat nicht das Rauschen, Trommeln und Donnern von Eisenrädern begleitet, die unbeirrbar der Führung ihrer Eisenschienen folgen… So gesehen hat man einen Abschnitt der Zukunft einfach ausgelassen. Anders gesehen hatte man nur rechtzeitig eingesehen, dass man mit einer Technik, die unmittelbar vom alten Dampfross aus der Mitte des 19. Jahrhunderts abgeleitet war, nicht die Mobilitätsanforderungen des 21. Jahrhunderts würde bedienen können.

Im Eingangsbereich kann man sich den RapidExpress als Modell ansehen,
Maßstab 1:16. Die Formgebung durchaus ansprechend, da man sich längst
daran gewöhnt hat, dass die Stromlinie den ästetischen Wert von Fortbewegungsmitteln bestimmt. Die Farbgebung des Modells ist einfarbig, eintönig, schmucklos. Dass ich mich schon fragte, ob man mit der Erstellung des Modells nicht mehr rechtzeitig fertiggeworden sei. Nein, nein, so klärt man uns später auf, das ist der fade Farbton der Spezialbeschichtung.

[mit einem kleinen Buchauszug: zurück in die Zukunft]

Im Original sieht man den Gleiter nur von innen. Überhaupt findet die ganze Reise mit dem RapidExpress nur noch in Innenräumen statt, sobald Sie den Express-Port betreten haben. Sie haben nicht einmal durch ein Fenster ein wenig Sicht nach draußen. So unterscheidet sich eine Reise mit dem RapidExpress nicht wesentlich von einem Besuch bei der Behörde, sagen wir mal im zweiten Untergeschoss. Nur dass sie nach eineinviertel Stunden Wartezeit im Rapid-Express an ihr Ziel gelangt sind.

Irgendwann verkündet uns eine freundliche Stimme in diesem schlanken Warteraum, dass wir bei einer Geschwindigkeit von 1.100 Kilometern per Stunde mit der maximalen Reisegeschwindigkeit unserem Ziel zustreben. Magnetgleiten unter Unterdruckverhältnissen machtʻs möglich. Aber nichts deutet darauf hin, dass sich unser Wartesaal tatsächlich bewegt. Und mich begleitet stets das mulmige Gefühl, dass alles nur die gut gemachte Show in einem durchschnittlichen Fantasy-Park sei. Ich war mir nicht sicher, je in Madrid anzukommen, ehe ich nicht in Madrid aus dem Port nach draußen ging. Unter praller Sonne hinein in die lähmende Mittagshitze eines spanischen Sommers.

Heute sind wir dem Europa wieder einen wesentlichen Schritt näher gekommen,
in dem es keine Kontinentalflüge mehr gibt, wir nur noch die Starts und Landungen von großen Interkontinentalflugzeugen bestaunen oder erdulden werden. Etwas aber ist grundlegend neu an diesem Verkehrsmittel: Ein bodengebundenes Massenverkehrsmittel bietet eine schnellere Fernverbindung als der Flugverkehr.

(Auszug aus: Gerhard Ochsenfeld, Ent-Wicklungen – Plädoyer für eine Politik des Umbruchs, 1998 • Seite 128)

Im HyperTube bodengebunden mit Mach 1 unterwegs

Man mag es belächeln, dass ich bereits 1998 davon geschrieben und das auch veröffentlicht hatte. Denn eine Außenwirkung hatte die Publikation wohl kaum: Ich habe eine Verlagspublikation nicht erlangen können und mit meiner Publikation in 2008 über Books on Demand auch kaum Stückzahlen abgesetzt.

Dennoch erfreut es mich, dass ich heute bei 1E9 gelesen habe: (Zitat) „Südkorea hat einen Zug mit 1.000 km/h durch eine Röhre geschickt.“ Denn es tut gut zu wissen, dass ich weder die Erwartungen an Mobilität noch die technischen Möglichkeiten vor 22 Jahren falsch eingeschätzt hatte.

Zielsichere Vorausschau bereitet mir Spaß: der HyperTube

Nun haben die Südkoreaner in einem Testaufbau mit einem Modell im Maßstab 1:17 eine Geschwindigkeit von 1.019 km/h erreicht, wie man dann im Video erfahren kann.  Ich lag mit meiner Modellbeschreibung von 1:16 dann schon nah dabei – und liege praktisch deckungsgleich in der Beschreibung des Tempos: Mach 1 ist offenbar das technische Ziel, das man in der Unterdruckröhre später im realen Betrieb erlangen möchte.

Alle Projekte, die bisher unter dem Namen Hyperloop firmierten, sind mit dem südkoreanischen Modellversuch weit abgeschlagen. Und sie nennen es HyperTube – vermutlich und mit Recht, um sich von allen anderen Projekten abzusetzen.

Bereits 1998 der kühne Blick nach vorn: Magnetgleiten bei Unterdruck

Ich zitiere aus meinem Buch „Ent-Eicklungen – Plädoyer für eine Politik des Umbruchs“ von 1998:

Weiterentwicklungen des Magnetgleiters
Die wohl interessanteste Entwicklung ist die seit knapp drei Jahren zwischen Paris und Madrid betriebene Verkehrsverbindung: Der Magnetschwebeverkehr in der Unterdruckröhre. […]
In der Unterdruckröhre wird derzeit bei Innendrücken von zirka 0,1 Bar gefahren, was die Druckverhältnisse bei Unterschallverkehrsflügen noch unterbietet. Unter diesen Bedingungen überschreitet man schon heute die 1.000 Kilometer pro Stunde. Bisher distanziert man sich von Überlegungen, im Unterdruckkörper sogar die Schallmauer zu durchbrechen.“ (Seite 137)

Wenn auch erst nur im Modell, so hat man doch mit dem HyperTube technisch diese Vorausschau schon erfüllt. Dass man 22 Jahre später erst beim Modellversuch angekommen ist, ist ohne Zweifel der Tatsache geschuldet, dass es seit den 1990er Jahren – wie ich einmal vereinfacht ausdrücken möchte – einfach weltweit zu gut und zu glatt lief.

Kühn und realistisch: HyerTube in Südkorea bald Teil des Alltags

Ich verkneife mir vorerst, längere Passagen aus meinem „Sachtext“ zu zitieren. Was immer hier nun „Sachtext“ bedeuten kann – denn Fiktion war das ganze Buch: Aus der Sicht des Jahres 2019 hatte ich zurückgeschaut, um die eine oder andere Kritik an Politik und Wirtschaft einmal aus einer anderen Perspektive führen zu können. Für ein bisschen Kurzweil: Ich hatte das „Tieffliegen in der Röhre“ auch belletristisch behandelt – wie hier lesen kann, wer mag.